Max Frisch Tagebuch 1946 – 49

Ein Poet kann nicht nur die Wahrheit denken, sogar die Wahrheit sagen.

 

Viele behaupten, sie hätten nichts, und brüsten sich damit (wie sie), und am Ende haben sie doch immer das eine: Angst um all das, was sie haben möchten, Angst wie der reiche Mann, nur ohne Geld.

 

Die Zeit verwandelt uns nicht. Sie entfaltet uns nur.

 

Schreiben heißt: sich selber lesen.

 

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„Leviathan“ von Julien Green

Atmosphären-Barometer …

Wenigstens konnte er sich seiner Pein überlassen, denn er hatte das Bedürfnis, in seine Wunde zu bohren, sie zu vergrößern, mit seinen Nägeln Gift in sie einzuätzen, da er ja doch von ihr nicht genesen konnte.

 

Welch seltsamer Sparsamkeitssinn der Zeit, dass sie uns unsere Leiden stunden- und tageweise zuteilt, uns immer nur ein wenig auf einmal gibt, um uns nur nicht zu schnell zu töten.

 

Es war die Stunde, in der die große Schmerzen in ihrem Ansturm erlahmen, die Sorge einschläft, der Kranke in eine Art von köstlicher Bewußtlosigkeit fällt und neue Kräfte zum Leiden in sich erschafft.

„Leviathan“ von Julien Green

Welch eine grausame Regie herrschte in dieser Welt! […], aber eine gehässige Notwendigkeit isolierte die Menschen, schloß Türen zu, machte sich einen Spaß daraus, Leute in eine bestimmte Straße zu treiben, während sie in der Nachbarstraße vielleicht ihr Glück gefunden hätten, ließ die einen Jahre zu früh, die anderen zu spät das Licht der Welt erblicken.

Was für eine düstere Atmosphäre und grausame Stimmung, was für lasterhafte Menschen, gierige Charakteren, was für eine schreckliche Geschichte  und krude Psychologie …

Wilhelm Meisters Lehrjahre – Zitate

>>… seinen eigenen Verstande entsagen und seinen Neigungen unbedingten Raum geben?<<

>>Freilich nicht mit dem heitern Fleiße, der zugleich dem Geschäften Belohnung ist, wenn wir dasjenige, wozu wir geboren sind, mit Ordnung und Folge verrichten, sondern mit dem stillen Fleiße der Pflicht …<<

>>, denn vielleicht ist derjenige, dem man Genie zuschreibt, übler dran als der, der nur gewöhnliche Fähigkeiten besitzt; denn jener kann leichter verbildet und viel heftiger auf falsche Wege gestoßen werden als dieser.<<

Kracauers „Ginster“

Erster Satz: Als der Krieg ausbrach, befand sich Ginster, ein fünfundzwanzigjähriger junger Mann, in der Landeshauptstadt M.

Ein Buch kann sich über drei Wege in mein Herz schleichen. Der erste Pfad ist die Handlung, „Ginster“ verführt ohne Handlung, der dritte Pfad führt über die „Aussage“ direkt in mein Herz, mein Lieblingsweg, aber auch der zweite Pfad, der der Sprache, kommt an. Kracauers Sprache ist auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig, sprunghaft, manchmal etwas wirr – lässt man sich drauf ein, entwickelt die Sprache ihre eigene Dynamik und lässt einem die Szenerie vor dem inneren Augen erscheinen. Visuelle Betrachtungsweise, gut beobachtet, wenn Locken fliegen, Frauenkörper aus drei Kugeln bestehen, sich Tanzende auflösen in Arme oder Augen ohne Gesichter

Eine etwas stubenhafte Erscheinung hinter Brillengläsern, die Behauptungen aufstellte und sie mit heiserer Stimme begründete.

Übrigens Bücher die über alle drei Pfade in meinem Herz wohnen, sind der „Zauberberg“ von Thomas Mann, „Der Nachsommer“ von Stifter und „Das Glasperlenspiel“ von Hesse.

In diesem Sinne Frohe Weihnacht!

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