„Freiheit statt Kapitalismus“ von Sahra Wagenknecht

Titel: Freiheit statt Kapitalismus. Über vergessene Ideale, die Eurokrise und unsere Zukunft
Autorin: Sahra Wagenknecht
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
Erschienen: Juni 2013 (2. Auflage)
Seitenzahl: 400
ISBN-10: 342334783X
ISBN-13: 978-3423347839
Preis: 12.90 EUR

verfasst von Voltaire:

„Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden…Inhalt und Ziel einer sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein“.

Dieser Passus stammt nicht aus dem Programm der LINKEN, nein, diese Sätze standen so im Ahlener Programm der CDU. Auch wenn sich die Zeiten und Umstände ändern, so muss man doch staunen, wieweit sich die CDU – und mit ihr aber auch die anderen Parteien – von früheren Einsichten und Ansichten entfernt haben.

Dieses Buch von Sahra Wagenknecht hat mich ohne Wenn und Aber beeindruckt. Und wieder einmal habe ich festgestellt, dass es sich lohnt dieser Frau aufmerksam zuzuhören. Ihre Argumentation ist schlüssig und gut nachvollziehbar. Ihre Analysen treffen punktgenau; und es fällt sehr schwer, Gegenargumente zu finden. Dabei vermeidet sie irgendwelches „Fach-Chinesisch“, sie schreibt verständlich – für jedermann/jedefrau.

Der bekannte deutsche Wirtschaftswissenschaftler Prof. Max Otte sagt über dieses Buch:
„Gute Krisenanalyse….Wagenknecht demaskiert die Mythen und Schwachstellen des globalen Hyperkapitalismus.“

Und es ist schon erstaunlich, dass es Sahra Wagenknecht ist, die an Ludwig Erhard erinnert und seine Vorstellungen über die Soziale Marktwirtschaft aufgreift, verteidigt und in einigen Punkten weiterentwickelt. Für Ludwig Erhard wäre in der heutigen CDU wohl leider kein Platz mehr.

Es ist aber auch Buch über die Macht der Banken und die vermeintlich Ohnmacht der Politik. Und wer es vorher nicht schon gewusst hat, der weiß es spätestens nach der Lektüre dieses Buches: Die Verluste der Banken bezahlt der Steuerzahler, niemand sonst! Und mit Steuerzahler ist der Normalbürger gemeint, nicht gemeint sind damit die Millionäre und Milliardäre dieses Landes. Das alles wird eindrucksvoll belegt und gut argumentiert. Es sind auch nicht die „faulen“ Griechen die ihr Land an den Abgrund gebracht haben, es waren die europäischen Banken, Hedgefonds und dergleichen Griechenland dorthin manövriert haben und die weiterhin an dieser „Staatspleite“ wunderbar verdienen – und die Menschen hierzulande machen sich mal wieder keine Gedanken sondern glauben lieber der BILD-Zeitung und anderen einschlägigen Medien. Aber was will man von diesen RTL II-Deutschen auch anderes erwarten.

Hervorzuheben ist, dass Sahra Wagenknecht nicht behauptet oder irgendwelche Schlagworte in den Raum stellt – nein, ganz im Gegenteil. Sie belegt ihre Aussagen, sie argument schlüssig und nachvollziehbar. Sie ist zu einer sehr ernstzunehmenden Gesprächspartnerin geworden, nicht nur bei politischen sondern auch bei wirtschaftlichen Themen. Alles was sie bemängelt und anspricht ist für jeden sichtbar – nur muss man sich halt die Mühe machen und einfach auch mal hinsehen.

Ein sehr interessantes Buch, gerade auch für den interessierten Menschen, der sich nicht mit dem immergleichen Geschwätz von BILD, WELT, FAZ und Handelsblatt zufrieden geben will. 8 Eulenpunkte für ein Buch, dass hochinteressante neue Denkansätze liefert (sind diese wirklich so neu?), geschrieben von einer hochintelligenten Frau die vielen ein Dorn im Auge ist und die da weiterdenkt, wo viele auf halben Weg stehengeblieben sind.

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„God hates us all“ von Hank Moody

Titel: God hates us all
Autor: Hank Moody
Verlag: Heyne
Erschienen: Juni 2011
Seitenzahl: 256
ISBN-10: 3453435885
ISBN-13: 978-3453435889
Preis: 8.99 EUR

verfasst von Voltaire:

Hank Moody ist versoffen, er ist cool und legt die Frauen reihenweise flach. In diesem Roman schildert Hank Moody seine Zeit als Student der ständig ohne Geld ist und der sich als Drogendealer das notwendige Kleingeld verdient. Und immer ist dann auch eine Öffnung da in der er sein bestes Stück versenken kann.

Hank Moody ist die Hauptfigur als der US-amerikanischen Fernsehserie „Californication“ und wird von dem ehemaligen „Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI“ Hauptdarsteller David Duchovny gespielt.

Dieses Buch erzählt ohne großen Tiefgang eine Geschichte über die Schattenseiten (manche sehen das nicht unbedingt als Schattenseite) eines Lebens indem es in erster Linie um Drogen und Sex geht. Ein Anarcho-Leben light, ein Leben ohne Ziel, ein Leben in welchem das Denken und Nachdenken eher das Nachsehen haben. Alles ist easy – aber alle sind auch irgendwie immer unzufrieden und auf der Suche nach etwas was sie nicht einmal ansatzweise beschreiben können. Die handelnden Personen wirken sinnleer, mehr wie menschliche Hüllen ohne Inhalt.

Hank Moody ist genaugenommen kein Lebenskünster; Leben scheint für ihn etwas zu sein das man abarbeiten muss. Eine „scheissegal“ Stimmung, die allerdings sehr anschaulich beschrieben wird.

Das ist alles ist in einem Stil geschrieben, der dem Leser ein wenig das Gefühl vermittelt, als wäre dem Autor letztendlich alles eh wurscht.

Ein lesenswertes Buch, von dem man aber nicht zuviel erwarten darf. Nette Unterhaltung der etwas anderen Art.

„Das letzte Sandkorn“ von Bernhard Giersche

Titel: Das letzte Sandkorn
Autor: Bernhard Giersche
Verlag: Begedia Verlag
Erschienen: Juni 2013
Seitenzahl: 360
ISBN-10: 3943795527
ISBN-13: 978-3943795523
Preis: 13.95 EUR

verfasst von Voltaire:

„Du hast zehn Tage Zeit, die Welt zu retten, bevor ich sie zertrete mit allem Gewürm darauf. Zehn Tage und Nächte gebe ich Dir, Dir alleine, um die Welt zu retten. Nutze sie oder vergehe zusammen mit allen anderen Deiner Art.“

Diese Botschaft erhalten alle Menschen auf der Erde zur gleichen Zeit. Von wem diese Botschaft kommt ist nicht unbedingt klar. Gott, Allah, Jahwe, Manitou, Mami Wata? Vielleicht hätte der Autor gut daran getan, noch ein paar mehr Gottheiten aufzuführen, damit sich dann auch niemand benachteiligt fühlt.

Und was machen die Menschen nun? Wie gehen sie mit dieser Botschaft um? Sie fallen – wie kann es in solchen Geschichten auch anders sein – übereinander her, massakrieren sich gegenseitig, jeder macht jeden für alles Leid auf dieser Welt verantwortlich. Ein furioses Gemetzel beginnt und so manchen Leser fallen spätestens zu diesem Zeitpunkt das erste Mal die Augen zu. Alles wirkt bekannt und wie schon oft gelesen. Ein Dystopie der eher schwächeren Art.

Im Klappentext ist zu lesen:
„Nur Wenige werden den zehnten Tag erleben. Aber wird es einen elften Tag geben?“ Da wird ein kryptischer Popanz aufgebaut, der dann im Laufe der erzählten Geschichte ganz unspektakulär in sich zusammenfällt.

Der Autor bedient fast sämtliche Vorurteile wenn es um das Handeln von Menschen in einer Extremsituation geht. Gemischt wird das Ganze mit einer ordentlichen Portion pseudowissenschaftlichen Krimskrams und küchenphilosophischen Erklärungen. Und so geht das Buch nur in die Breite, nicht aber in die Tiefe. Es ist ein Vermengen und Vermischen von Psychologie, Philosophie und theologischen Ansätzen – ein Vermengen und Vermischen von Halbwissen und Nichtwissen. Wenigstens macht das Buch auf mich diesen Eindruck.

Eine interessante Idee wurde durch die Ausführung ziemlich gnadenlos in die Tonne getreten. Vieles wird nur angedacht – dabei hätte ein „Zuendedenken von Gedanken“ der Geschichte wirklich dienlich und förderlich sein können und so mancher logischer Bruch hätte sicher auch vermieden werden können.

Leider ist in dieser Geschichte auch sehr vieles vorhersehbar. Auch der Schluss ist dann alles andere als überraschend. Lieber ein offenes Ende als ein solches Ende; wobei der Epilog des Buches dann doch ein wenig den Rettungsring gibt und die Geschichte nicht total gegen die Wand fahren lässt. Da entschuldigt man als Leser dann auch die eine oder andere Stammtischweisheit. Irgendwie ist man dann aber auch froh das Ende des Buches erreicht zu haben.

Was ist zum Schreibstil des Autors zu sagen. Sieht man von der Handlung der Geschichte ab, so ist am Stil nicht viel zu kritisieren. Flüssig und durchaus angenehm zu lesen. Die Seiten des Buches lesen sich schnell weg. An manchen Stellen wirkt die Lockerheit ein wenig aufgesetzt und verkrampft, aber nicht so dass es störend ist.

Fazit: Dieses Buch war für mich eine Enttäuschung. Ein gute Idee, aus die der Autor viel, viel mehr hätte machen müssen. Vorhersehbare Handlung, handelnden Personen wie aus dem Klischeekatalog, Authenzität wurde irgendwelchen überflüssigen Gewaltexzessen geopfert.

Und eine Diesellok fährt man auch nicht mal ebenso, und das „Hotel Vier Jahreszeiten“ in Hamburg liegt am „Neuen Jungfernstieg“ und nicht am „Jungfernstieg“. Ein Buch, bei dem eben auch diese Kleinigkeiten dann ziemlich nerven und für die man als Leser dann auch kaum irgendwelches Verständnis aufbringt.

Gute Science Fiction, gute dystopische Romane sehen anders aus.

„Winterjournal“ von Paul Auster

Titel: Winterjournal
Autor: Paul Auster
Übersetzt aus dem Englischen von: Werner Schmitz
Verlag: Rowohlt
Erschienen: September 2013
Seitenzahl: 256
ISBN-10: 349800087X
ISBN-13: 978-3498000875
Preis: 19.95 EUR

verfasst von Voltaire:

In diesem wunderbaren Buch erzählt der bekannte amerikanische Autor Paul Auster aus seinem Leben. Aber es ist keine dieser typischen, sich selbst auf den Sockel stellenden Autobiographien. Nein, ganz im Gegenteil. Paul Auster lässt seine Leser teilhaben an seinen Gedanken, seinen Gefühlen und an seinen Einsichten und Ansichten. Teils poetisch, teils aber auch philosophisch äußert sich Auster. Obwohl er über die eigene Person schreibt, so schafft er es jedoch auf beeindruckende Weise sich selbst nicht in den Vordergrund zu drängen.

Auster schreibt über seine Familie, über seine Eltern – über seine Zweifel und Hoffnungen, er beschreibt seine Trauer als seine Mutter starb. Und auch jetzt im Alter von 66 Jahren scheint er ein Suchender zu sein, ein sensibler Mensch, dessen Gedankentiefe beeindruckt. Das was Auster zum Ausdruck bringt ist wahre Sensibilität. Relativ kühl und realistisch stellt Paul Auster mit dem letzten Satz in diesem Buch fest, dass er nun in den Winter seines Lebens eingetreten ist. Man kann nur hoffen, dass es ein sehr, sehr langer Winter wird.

Interessant ist auch die Beschreibung seiner Wohnsitze. 25 Wohnsitze sind es, die sich im Laufe seines bisherigen Lebens angesammelt haben. Eindrucksvoll und intensiv beschreibt Auster wie sich die verschiedenen Wohnsitze „angefühlt“ haben. Und zu jedem Wohnsitz gibt es etwas zu erzählen. Nachdenkliches, Trauriges aber auch das Augenzwinkern kommt nicht zu kurz.

Fazit: Ein wirklich beeindruckendes Buch, unbedingt lesenswert. Ohne Frage ein literarisches Highlight.

„Im Dunkel der Schuld“ von Rita Hampp

Titel: Im Dunkel der Schuld
Autorin: Rita Hampp
Verlag: Diana
Erschienen: September 2013
Seitenzahl: 511
ISBN-10: 3453357507
ISBN-13: 978-3453357501
Preis: 9.99 EUR

verfasst von Voltaire:

„Im Dunkel der Schuld“ macht dem Genre „Psychothriller“ alle Ehre. Allerdings wird man sich als Leser resp. als Leserin darauf einstellen müssen, dass die Lektüre dieses Buches zu erheblichen Verspannungen der Rückenmuskulatur führen kann, auch tiefe Ringe unter den Augen und ein erhebliches Schlafdefizit gehen mit dem Lesen des Buches einher. Denn es ist eines dieser Bücher, die man nicht mehr aus der Hand legen – wenn man sie dann einmal zur Hand genommen hat.

Worum geht es nun in diesem Thriller?
Da ist Ebba, eigentlich Elisabetha, die Inhaberin einer renommierten Galerie in Baden-Baden. Sie und ihre Geschwister wurden in der Kindheit von dem sadistischen Vater tyranisiert. Erst als er bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, schienen sich für die Geschwister und auch für die Mutter die Dinge zu normalisieren. Aber haben sie das wirklich?

Doch dann wird die Familie von der Vergangenheit eingeholt. Georg, Ebbas Bruder stirbt, wenn man den offiziellen Angaben glauben darf, an einem Herzinfarkt. Aber war es wirklich nur ein Herzinfarkt oder steckt mehr dahinter? Ebbas Leben gerät aus den Fugen als sich Dinge in ihrem Umfeld ereignen, die sie an sich selbst zweifeln lassen. Gibt es sie wirklich, die Dämonen ihrer Kindheit? Sind diese Dämonen plötzlich zum Leben erweckt worden? Und wem kann sie eigentlich noch vertrauen?

Mehr sei an dieser Stelle vom Inhalt nicht verraten. Um mehr über die erzählte Geschichte zu erfahren, muss man seine Nase schon in dieses Buch stecken – und es sei an dieser Stelle versichert, dass es ein sehr lohnendes „Stecken“ ist.

Die Autorin schafft es, den Spannungsbogen über die gesamte Geschichte hin aufrechtzuerhalten, wobei sie sogar das Kunststück fertigbringt, diesen Spannungsbogen immer noch und immer noch ein wenig weiter auszudehnen. Sie hat es wahrlich drauf, die liebe Rita Hampp. Sie kann nicht nur erzählen, nein, sie kann auch sehr spannend erzählen. Und so kann ich mir nur sehr schwerlich vorstellen, dass jemand bei diesem Buch vor seinem Ende von der Fahne geht. Die erzählte Geschichte ist in sich stimmig und enthält nach meinem Dafürhalten keine Logikfehler. Es macht einfach Freude sich für einige Stunden diesem Thriller hinzugeben – denn was Rita Hampp hier aufgeschrieben hat, ist beste Thrillerunterhaltung. Hervorzuheben ist auch, wie die Autorin es schafft, mit Worten Stimmungen und eine ganz besondere Atmosphäre zu beschreiben. Das ist wirklich sehr bemerkenswert.

Ihr Schreibstil ist – aber das weiß man auch schon von ihren anderen Büchern – rund und fließend. Und auch dieses Buch liest sich insofern sehr angenehm und man muss sich als Leser nicht über irgendwelche Holpereien und Stolpereien in Bezug auf die deutsche Sprache ärgern.

Die handelnden Personen wirken authentisch. Die Darstellung ihrer psychischen Probleme ist sehr anschaulich gelungen und man kann sicher sein, dass die Autorin hier sehr intensiv recherchiert hat. Die Abgründe menschlichen Handelns werden ohne Schönfärberei beschrieben. Auch wenn die erzählte Geschichte eine Fiktion ist, so wirkt sie doch realistisch. Und vielleicht sei an dieser Stelle der Rat erlaubt, sich bei den eigenen Verwandten einfach mal ein wenig genauer umzuschauen – denn man weiß ja nie……

Fazit: Dieser Psychothriller hat mich wirklich gut unterhalten. Es hat einfach Freude gemacht ihn zu lesen. Beste Thrillerunterhaltung, abgeliefert von einer Autorin, die ihr Handwerk wirklich ausgezeichnet beherrscht. Und es bleibt die Frage: Wann gibt es den nächsten Rita-Hampp-Thriller?

„Leichtmatrosen“ von Tom Liehr

Titel: Leichtmatrosen
Autor: Tom Liehr
Verlag: Rütten und Loening
Erschienen: April 2013
Seitenzahl: 351
ISBN-10: 3352008531
ISBN-13: 978-3352008535
Preis: 14.99 EUR

verfasst von Voltaire:

Was haben Patrick (der Ich-Erzähler), Henner, Mark und Simon gemein, außer ihrem wöchentlichen Badminton-Treffen. Wenig. Und doch gehen diese völlig unterschiedlichen Typen auf eine gemeinsame Bootsfahrt. Keine Ahnung vom Bootfahren. Aber trotzdem kann sie nichts aufhalten. Eine Schnelleinweisung muss reichen. Und sie reicht.

Patrick ist Lektor. Mit Cora ist er in einer Beziehung, einer Beziehung die langsam zur Gewohnheit geworden ist und Patrick meint Störsignale zu empfangen. Cora will ein Kind – er nicht. Und Patrick ist kurz davor die Gretchenfrage in dieser Beziehung zu stellen. Aber dann ist da auch noch Mark, der wohnt noch zuhause und hat bisher noch richtig versucht im Leben Fuß zu fassen. Und was ist mit Simon? Handwerker und durch und durch unzuverlässig und immer auf der Suche nach der nächsten schnellen Nummer. Jemand der Kette raucht und sich offensichtlich durchs Leben ficken will. Nicht zu vergessen Henner, der evangelische Pfarrer mit einem grundsätzlichen Glaubensproblem.

Diese vier ungleichen Typen finden sich dann an Bord der Dahme wieder, dass sie aber schnell in Tusse umgetauft haben. Und dann geht es los. Erst zu Dritt, Simon kann erst später dazu stoßen – immer auf der Flucht vor irgendwelchen Gläubigern. Und dann nimmt alles seinen Lauf. Schleusen, Nutten, Besäufnisse, eine attraktive Schleusenwärterin – nichts wird ausgelassen. Und aus einer lockeren Badminton-Bekanntschaft wird Freundschaft.

Wer mehr über den Inhalt des Buches wissen möchte – der soll es einfach lesen.

Auch mit diesem Buch zeigt Tom Liehr dass er ohne Frage zu den besten Unterhaltungsschriftstellern des deutschsprachigen Raumes gehört. Wobei die Vokabel „Unterhaltung“ noch um das Wort „anspruchsvoll“ ergänzt werden muss. Denn dieses Buch ist kein „lockerer“ Sommerroman den man beim Zuschlagen des Buches schon wieder vergessen hat. Nein, ganz im Gegenteil. Bei allem Humor und bei aller Lockerheit verfügt dieser Roman doch über eine emotionale Tiefe die beeindruckt. Sehr intensiv schildert der Autor die Glaubenszweifel Henners, und dringt dabei tief in den Charakter dieses zweifelnden Menschen ein. Es geht in erster Linie um die handelnden Personen, das Boot ist eigentlich nur Mittel zum Zweck. Menschen am Scheideweg, Menschen auf der Suche – nach sich selbst, nach irgendeinem Sinn – Menschen die unglaublich authentisch handeln und beschrieben werden. Als Leser staunt man über diesen empfindsamen, aber nie rührseligen Erzählstil. Tom Liehr hat die Gabe Ernsthaftigkeit, Humor und Lockerheit in einem Roman unterzubringen. Seine Formulierungen treffen, zielsicher setzt er Pointen.

Ein beeindruckendes Buch, zutiefst menschlich – dabei aber auch anspruchsvoll unterhaltend. Und nach 350 gelesenen Seiten verabschiedet man sich schon mit ein wenig Wehmut von diesem Buch, von seinen handelnden Personen und auch von der Atmosphäre, die diesem Buch ein ganz besonderes Flair gibt.

„Verzauberter April“ von Elizabeth von Arnim

Titel: Verzauberter April
OT: The Enchanted April
Autorin: Elizabeth von Arnim
Übersetzt aus dem Englischen von: Adelheid Dormagen
Verlag: Insel Taschenbuch
Erschienen: März 2007
Seitenzahl: 274
ISBN-10: 345834957X
ISBN-13: 978-3458349570
Preis: 9.00 EUR

verfasst von Voltaire:

Die zurückhaltende und sehr verschüchterte Mrs. Wilkens liest in einem Inserat in der TIMES von einem Castello an der italienischen Mittelmeerküste, dass für den Monat April möbliert zu vermieten sei. Sofort setzt sich der Gedanke in ihr fest, diesen April auf San Salvatore zu verbringen. Und dann sieht Mrs. Wilkins, dass Mrs. Arbuthnot, die sie vom Sehen aus dem Gottesdienst her kennt, auch dieses Inserat liest. Sie nimmt allen Mut zusammen und spricht Mrs. Arbuthnot an. Die Frauen kommen überein das Castello zu mieten, müssen aber aufgrund der nicht unbeträchtlichen Kosten noch eine oder zwei weitere Reisebegleiterinnen finden. Diese werden dann auch gefunden – es sind die schon etwas ältere Mrs. Fisher und die schöne Lady Caroline.

Mrs. Wilkens gelingt es dann nur mit Mühe, ihren Mann von diesem Urlaub zu überzeugen. Aber indem sie ihm nicht die Wahrheit erzählt, schafft sie es letztendlich dann doch seine Einwilligung zu bekommen.

Die vier Frauen sind unterschiedlicher als man es sich denken kann. Da ist die sehr schüchterne und verhärmt aussehende Mrs. Wilkens, dann ist da Mrs. Arbuthnot, die in einer erkalteten Beziehung steht und nur für ihren Glauben lebt. Mrs. Fisher hat Schwierigkeiten die jungen Menschen zu verstehen und lebt vorwiegend in der Vergangenheit und missbilligt fast alles und fast jedes. Lady Caroline, eine Schönheit, will nur eines: Ihre Ruhe.

Doch das Castello beginnt die Frauen zu verändern. Man könnte fast sagen, sie finden zu sich selbst. Und dann tauchen auch die Ehemänner von Mrs. Wilkens und Mrs. Arbuthnot auf, nachdem sie von ihren Ehefrauen brieflich zu diesem gemeinsamen Urlaub gebeten worden waren. Zuguterletzt trifft auch noch Mr. Briggs, der Eigentümer von San Salvatore, auf.

Mit leichter Hand beschreibt die Autorin das gesellschaftliche Leben der englischen Mittelklasse so um die Jahrhundertwende. Insbesondere schildert sie die Stellung der Frauen zur damaligen Zeit. Frauen die in der Regel abhängig von ihren Ehemännern waren, die nicht einfach tun und lassen konnten was sie wollten. Allerdings sucht man bei Elizabeth von Arnim vergeblich nach vehementer Kritik an der damaligen Stellung der Frauen in der Gesellschaft. Die Autorin scheint sich mit den bestehenden gesellschaftspolitischen Verhältnissen abgefunden zu haben, auch sie rückt den Mann in eine führende Position. Dabei darf man natürlich nicht vergessen, dass die Autorin 1866 geboren wurde und 1941 verstarb. Sie ist also auch ein Kind ihrer Zeit und mehr als Ansätze einer leisen Kritik an den bestehenden Verhältnissen durfte man von ihr insofern wohl auch nicht erwarten.

„Verzauberter April“ ist ein nett zu lesender Roman, ohne große Höhepunkte, ein Buch geprägt von der Liebe zu den Menschen und mit der Aussage: Wenn die Menschen in Harmonie leben, dann ist auch alles gut. Ein Roman der nur minimal an den politischen Gegebenheiten der damaligen Zeit kratzt, der ganz sicher nicht revolutionär ist, es aber ohne Frage auch gar nicht sein will. Es ist aber auch ein Buch, welches die gesellschaftlichen Gegebenheiten der damaligen Zeit anschaulich beschreibt.

„Die Lästigen …“ von Joyce Carol Oates

Titel: Die Lästigen. Eine amerikanische Chronik in Erzählungen
Autorin: Joyce Carol Oates
Übersetzt aus dem Amerikanischen von. Susanne Röckel
Verlag: Die Andere Bibliothek im Eichborn-Verlag
Erschienen: März 2011
Seitenzahl: 378
Preis: 32.00 EUR

 

verfasst von Voltaire:

In diesen Erzählungen von Joyce Carol Oates lebt der amerikanische Traum – könnte man meinen, denn schließlich wird im Untertitel von einer „amerikanischen Chronik“ gesprochen. Aber es ist nicht der amerikanische Traum der in diesen Kurzgeschichten gelebt wird, nein – ganz und gar nicht; allenfalls könnte man davon sprechen, dass es in diesen Erzählungen um die Umkehr des amerikanischen Traumes geht.

Es werden Menschen beschrieben, denen im Moment ihres Erlebens der amerikanische Traum weit weg und wohl auch völlig egal ist.

Wir erleben Menschen in den unterschiedlichsten Situationen. Menschen oftmals an der Grenze ihrer Kraft, ohne Hoffnung auf Änderung zum Besseren. Das was Joyce Carol Oates beschreibt sind reale Lebenssituationen und Lebensumstände – weitab vom „Happy-End-Glamour“ Hollywoods. Denn im realen Leben ist das Happy End eher eine seltene Erscheinung. Gezeigt wird das harte, zum Teil sogar menschenfeindliche Amerika. Ein Amerika, wo eben kein Platz für die Schwachen vorhanden ist, ein Amerika wo der Ellenbogen zählt und wo das Wort „Nächstenliebe“ eher die Diktion eines unbekannten Fremdwortes hat.

Es sind die realistischen Beschreibungen vieler verschiedener Lebenssituationen die den ganz besonderen Reiz dieser Erzählungen ausmachen. Fiktiver Realismus, gepaart mit einer eher resignierten und desillusionierter Weltsicht. Menschen eingezwängt in Handlungsabläufe und in Lebensformen, die ihnen kaum Spielräume für eigene Entscheidungen lassen. So wie die Eltern und Großeltern lebten, leben mussten, so werden auch die Kinder und wahrscheinlich auch deren Kinder leben. Ausbruchsversuche aus diesem standardisierten Lebensmuster enden zumeist schon an der Stadtgrenze (jetzt sinnbildlich gemeint) – wenn sie denn überhaupt so weit kommen.

Joyce Carol Oates ist eine gnadenlose Beobachterin und Chronistin. Sie verschweigt nichts, fügt nichts hinzu (was da nicht hingehört) – sie berichtet/erzählt in realen Bildern, Bilder die nichts Imposantes oder Heimeliges bitten – sondern nur das zeigen was ist.
Heldentum sucht man in diesen Erzählungen vergeblich, auch wenn Gabriella Jaskulla in ihrem im Ergebnis ziemlich einfältigen Vorwort von „Helden der Geschichten“ spricht. Leider ein Vorwort, dass den Geschichten kaum gerecht wird. Da hört sich offenbar jemand nur selbst gern reden und redet am Kern der Sache fast schon genial vorbei. Aber Gabriella hat es sicher nicht bös gemeint – sie kann es wahrscheinlich nur nicht besser.

In jedem Falle ist diese Sammlung von Erzählungen von Joyce Carol Oates ein wahrlich lesenswertes Buch, ein Buch das eigentlich an keiner Stelle enttäuscht (vom Vorwort jetzt mal abgesehen), ein Buch, dass man sicher auch ein zweites oder sogar ein drittes Mal mit Gewinn lesen kann.

„Der Sprengprofessor. Lebensgeschichten“ von Victor Zaslavsky

Titel: Der Sprengprofessor. Lebensgeschichten
Autor: Victor Zaslavsky
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach Berlin
Erschienen: März 2013
Seitenzahl: 144
ISBN-10: 3803112923
ISBN-13: 978-3803112927
Preis: 15.90 EUR

verfasst von Voltaire:

Victor Zaslavsky wurde 1937 in Leningrad geboren. Er arbeitete zehn Jahre als Ingenieur und unterrichtete anschließend Soziologie an der Universität von Leningrad. Er starb 2009 in Rom.

In diesen Lebensgeschichten erzählt er aus seiner Kinder-, Jugend- und Studentenzeit. Es ist aber kein politisches Sachbuch – ganz und gar nicht. Der Autor schildert wie das „normale“ Leben während der Stalinzeit aussah. Es sind seine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse über die in diesem Buch berichtet werden.

Besonders hevorzuheben ist die Art des Erzählens. Zaslavsky erzählt ruhig, unaufgeregt, trotzdem aber mit einer großen Intensität. Und der Leser bekommt ein sehr anschauliches Bild über die „Normalität“ unter Stalin geliefert.

Der Autor verurteilt nicht, klagt nicht an – er berichtet, verschweigt aber auch nichts und überlässt die Wertung anderen. So sind auch die Leser gefordert, sich ihre eigenen Gedanken zu machen – sich vielleicht auch selbst zu fragen wie man sich denn selbst verhalten hätte. Aber Zaslavsky macht auch unmissverständlich deutlich, dass die vermeintliche Suche nach dem richtigen kommunistischen Weg unter Stalin nurmehr ein Lippenbekenntnis war – Kommunismus und Stalin: zwei Welten prallten aufeinander. Nicht der Kommunismus war grundlegend falsch – es waren die Menschen die diese politische Idee pervertierten.

Anhand seiner Lebensgeschichten, in denen seine Verwandten die Hauptpersonen sind, entsteht nach und nach ein klares und anschauliches Bild der Sowjetgesellschaft unter Stalin. Niemand wusste was morgen mit ihm sein würde, niemand war sich sicher, nicht auch verhaftet und verurteilt zu werden. Trotzdem mussten sich die Menschen Tag für Tag dem Leben stellen – allen Widrigkeiten zum Trotz.

Ein interessantes, ein teilweise auch bewegendes Buch. 7 Eulenpunkte für ein Buch, bei dessen Lektüre sich der Kritiker der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG bisweilen an die dämonischen Erzählungen Gogols und Puschkins erinnert fühlte und der dieses Buch dann im Hinblick auf die Entwicklung im heutigen Russland dringend empfahl.

„Der jüdische Messias“ von Arnon Grünberg

Titel: Der jüdische Messias
OT: De joodse messias
Autor: Arnon Grünberg
Übersetzt aus dem Niederländischen von: Rainer Kersten
Verlag: Diogenes
Erschienen: März 2013
Seitenzahl: 637
ISBN-10: 3257068549
ISBN-13: 978-3257068542
Preis: 24.90 EUR

verfasst von Voltaire:

In diesem Buch geht es um den nichtjüdischen Jungen Xavier Radek aus Basel – und man stellt sich die Frage, was diesen jungen Mann antreibt sich für das jüdische Leiden zu interessieren. Und als er dann auch noch Awrommele, den Sohn eines jüdischen Rabbiners, trifft, gibt es für Xavier kein Halten mehr. Die beiden Jungen haben zudem den Plan, Hitlers „Mein Kampf“ ins Jüdische zu übersetzen.

Awrommele sorgt dafür, dass Xavier beschnitten. Aber bei der Beschneidung läuft einiges schief und Xavier verliert seinen rechten Hoden, den er dann aber immer in einem Glas bei sich trägt und dem er den Namen „König David“ gegeben hat. Wenn dem Beschneider Herrn Schwartz das stumpfe Messer nicht abgerutscht wäre und wenn dieser nicht auch noch halbblind gewesen wäre, dann hätte diese Geschichte einen ganz anderen Verlauf genommen.

Awrommele merkt im Laufe der Geschichte, dass seine sexuellen Neigungen dem eigenen Geschlecht zugewandt sind. Xavier, der durch Bettina aus Graubründen seiner Unschuld verlustig wurde, hat nichts dagegen, mit Awrommele auch Sex zu haben. Wobei die beiden Jungen sich einig sind, das Gefühle dabei nichts zu suchen haben.

Grünberg erzählt Xaviers Geschichte bis hin zum Showdown im gelobten Land. Xavier hat zwischenzeitlich als politischer Führer Karriere gemacht und will der Welt nun seinen Stempel aufdrücken: Er spielt mit der atomaren Gewalt.

In diesem Buch trifft man eine Menge skurriler Gestalten. Xaviers Mutter die alles hasst, vor allen Dingen aber ihren Sohn und die Freude daran hat sich mit einem Messer am Oberschenkel zu verletzen, dann ist da noch Marc der Lebensgefährte von Xaviers Mutter, ein Pädophiler, Awrommeles Vater, der Rabbiner, der sich sehr oft von einem Transvestiten massieren lässt, weil er nur dann spürt wie sehr er seine Frau liebt, nicht vergessen der Ägypter vom Grillrestaurant, der plötzlich zwischen den Fronten von Hamas und israelischem Geheimdienst steht und der nun weiß wie es ist frittiert zu werden.

Das Buch ist hochpolitisch, dabei aber politisch vollkommen unkorrekt. Es ist eine manchmal sehr böse Satire, eine absurde Farce. Grünberg schreibt mit sehr viel schwarzem Humor und als Leser staunt man über seinen unglaublichen Ideenreichtum. Aber manchmal macht Grünberg des Guten ein wenig zu viel, verzettelt sich und walzt einige Passagen zu sehr aus, wobei man sich andere Stellen wiederum ausführlicher gewünscht hätte.

Nichtsdestotrotz ist Grünberg ein außergewöhnlicher Erzähler. Er schafft es auf diesen 637 zu beschreiben, wie einer vom Tröster zu jemand wird, der der Menschheit das Fürchten lehrt. Und Grünberg kann bei allem Witz auch unglaublich bösartig werden. Dieses Buch beschreibt die gesamte Bandbreite seines Könnens.