Max Frisch Tagebuch 1946 – 49

Ein Poet kann nicht nur die Wahrheit denken, sogar die Wahrheit sagen.

 

Viele behaupten, sie hätten nichts, und brüsten sich damit (wie sie), und am Ende haben sie doch immer das eine: Angst um all das, was sie haben möchten, Angst wie der reiche Mann, nur ohne Geld.

 

Die Zeit verwandelt uns nicht. Sie entfaltet uns nur.

 

Schreiben heißt: sich selber lesen.

 

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„Neuerdings schreibe ich an mich selbst“ von Angelika von Aufseß

Vor ein paar Wochen hat mir Frau von Aufseß, da sie hier gelesen hatte, dass ich mich neuerdings mit dem Tagebuchschreiben auseinandersetze, ihre „26 Arten ein Tagebuch zu führen“ zukommen lassen.

In 26 Kapitel, jeder Buchstabe eins, schildert die Autorin, auf welch unterschiedlichsten Methoden man ein Tagebuch bzw. Notizbuch führen kann. A wie ausdauernd und Z wie zukünftig. Viele Arten waren mir bekannt, da ich nun schon einige Bücher zum Thema Tagebuch und Selbstgespräche gelesen habe.

• „Kreativ leben mit dem Tagebuch“ von Elisabeth Mardorf
• „Schreiben Tag für Tag“ von Christian Schärf
• „Schreib es dir von der Seele“ von Silke Heimes

Dennoch war die Lektüre sehr erfrischend, weil sie in einem angenehmen Ton verfasst ist. Zum Beispiel wenn dort die Rede von >zwei Seelen ach in meiner Brust< ist, und die Autorin als diplomierte Psychologin anführt: „in unserem Innern sind unterschiedliche >energiegeladene seelische Einheiten (SuTh) am Werk, die unterschiedliche Interessen vertreten und demzufolge nicht immer am selben Strang ziehen<, Energiewelten wie > dem inneren Schweinehund, dem Perfektionisten, dem Rebell, Idealist, Chef oder Lebenskünstler – jeder Mensch hat sein ihm eigenes Personal.< Alle jene kann man dann im Tagebuch zu Wort kommen lassen.

Gut gefallen hat mir auch das Kapitel „Geschönt“, wo sie uns vorschlägt, frei nach Erich Kästner „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“ – die kann man sich nämlich auch selber schreiben!

Oder die Idee „Zukunft schreibt Gegenwart“ – man kann sich auch seine Zukunft selber schreiben und als Brief an sich selber senden.

Aus Sicht eines Tieres schreiben. Oder Erinnerungen niederlegen …

Wenn nun ein Leser Interesse an diesem Heft hat, möge er sich melden, ich verschicke es gerne weiter – mit der Bitte, seine Eindrücke über die Lektüre im Netz zu verbreiten.

„Itacurussá/Tagebuch einer Wandlung“ von Edeltraud Danesch

Dies ist ein reines e-book!

Ein Ich-Erzähler kehrt nach langer Zeit zur Insel „Itacurussá“ zurück. Er lässt sich dort vom Fischer José eine Hütte bauen ohne Fenster und sonstigem Luxus, nur einfach zum Schlafen und zum Schutz vor Regen und Sturm. Wenn ich jetzt nicht die Buchbeschreibung gelesen hätte  – >>Der Tod seiner Frau hat ihn jeglichen Sinns beraubt, nur ein totaler Reset bleibt als Option. Dafür verkauft er alles und lässt sich auf der einsamen Insel Itacurussá vor Brasilien in einer Fischerhütte nieder.<< – wüsste der Leser zu Beginn nicht, wer dort gestrandet ist. Was allerdings sehr reizvoll ist.

Der Tagebuchschreiber wandelt über die Insel, schaut nachts in die Sterne, sitzt auf den roten Felsen und blickt aufs Meer. Die Sprache ist der Form angepasst, einfach und liest sich angenehm. Im Grunde geschieht in der ersten Phase des Wandels nicht viel, es tritt nur völlige Ruhe ein …

>>Waren Wochen oder Tage vergangen? Es ist ohne Belang. Sonst wüsste ich es. Ich bin wieder aufgetaucht, der Ungewissheit entronnen gekräftigt. Bewusst. Neugeboren.<<

Durch einen tragischen Flugzeugabsturz hat der Erzähler seine Frau verloren, seine Rettung ist die Insel, wo sie vor Jahren schon einmal gemeinsam waren, dort lebt er nun einsam in den Tag hinein. Von José bekommt er einmal wöchentlich seine Lebensmittel und sonstige notwendige Dinge gebracht. Ansonsten interessieren ihn hauptsächlich die Tiere der Insel, trägt Schneckenhäuser, Seeigelgerippe und Muscheln zusammen und gibt ihnen Namen. Doch langsam kommen auch Erinnerungen aus seinem früheren Leben hoch. Er denkt an seinen verstorbenen Freund und an seine Frau, die er wieder spüren kann …

Sein vergangenes Leben war von Hektik und einem bunten Treiben geprägt, sein Hier und Jetzt von der Ruhe und dem Annehmen des Fluss des Lebens: „Das Meer gibt und das Meer nimmt“. Er öffnet sich wieder seinen Mitmenschen, hilft José bei seiner Arbeit, freundet sich mit dem Leuchtturmwächter an und besucht Bekannte von früher.

Edeltraud Danesch hinterlässt ein sehr einfühlsames Werk über den Wandel eines Menschen in einer Krise, der sich selber schon fast aufgegeben hat und doch wieder in den Alltag findet. Wer sich ein wenig entschleunigen möchte, der lese „Itacurussá“.

Orange Cursor Verlag

ISBN: 978-3-902963-03-1

Tagebuch schreiben! Zwei Bücher im Vergleich:

„Schreiben Tag für Tag“ von Christian Schärf

und

„Kreativ leben mit dem Tagebuch“ von Elisabeth Mardorf

Als interessierte Leserin zum Thema Tagebuchschreiben kann ich festhalten, dass das Buch von Mardorf in keinster Weise mit dem Buch von Schärf mithält. Dafür schreibt die Autorin einfach zu selbstbezogen, ja im Grunde geht es nur um ihr eigenes Tagebuchschreiben und schaut dabei kaum über den Tellerrand hinaus.

Schärf zieht ganz viele Tagebuchautoren heran, gibt uns Einblicke in diese Notizen und Niederschriften, zeigt verschieden Formen von Tagebücher auf, er verfügt einfach über eine große Palette an Beispielen.

Selbst der zweite Teil in „Kreativ leben mit dem Tagebuch“ ist mir zu lapidar umfasst. Jemand der sich wirklich intensiv mit dem Tagebuch Schreiben auseinander setzen möchte, kommt einfach zu kurz. Ihre Listen und Anregungen werden bei Schärf viel intensiver besprochen und nicht nur angerissen.

Eine Ausnahme gibt es dann doch und zwar die Auswahl des Tagebuchs an sich und überhaupt. Männern ist es höchstwahrscheinlich nicht wichtig, welche Farbe, Format, Papier oder Qualität das Notizbuch hat. Auch die Qual der Wahl der Stifte – ob Kugelschreiber, Faserstift, Bleistift oder  Füller, und welche Farbe dann die Tinte haben soll, interessieren männliche Tagebuch Autoren scheinbar nicht. Aber mit dieser Frage lässt sie uns eh auf weiter Flur alleine, dass muss jeder für sich selber entscheiden. Herr Ortheil hat beispielsweise nur schwarze Bücher im Regal stehen. Bei mir wird es kunterbunt werden, wie immer,  vielleicht habe ich später einmal „Meins“ gefunden … (Ich mag das Papier von Clairefontaine sehr gerne.)

„Schreiben Tag für Tag“ von Christian Schärf

Bibliographisches Institut, Mannheim

ISBN: 3411749016

„Kreativ leben mit dem Tagebuch“ von Elisabeth Mardorf

CreateSpace Independent Publishing Platform

ISBN: 1484024362

„Die Moselreise“ von Hanns-Josef Ortheil

Ein wunderbares Reisetagebuch des kleinen Hanns-Josef Ortheil.

Mit 12 hat der Autor gemeinsam mit seinem Vater eine Moselreise unternommen. Der Grund der Reise war, dass der Sohn sehr zurückgezogen mit seiner Mutter in der Wohnung/Köln lebte, und Ängste entwickelte – vor der Außenwelt und der Fremde. Nur in den heimischen Räumen konnte er unbeschwert sein. Es sei auch noch vermerkt, dass Ortheils Mutter nicht mitkam, weil sie ein schwaches Herz hatte, und nicht wandern durfte. Dadurch konnte sich der Sohn ganz alleine seinem Vater öffnen, und dann auch mit um mit seine Stärke aufnehmen. Auf jedem Fall ziehen Vater und Sohn am 24. Juli 1963 los, und werden nun 10 Tage unterwegs sein.

Was man direkt herausliest, ist, dass sein Vater einfach der Größte ist. Er himmelt ihn sichtbar (vor dem inneren Auge) an. Und nach der Lektüre wünscht man sich dabei gewesen zu sein. Hanns-Josef Ortheil beschreibt sehr eindringlich die einzelnen Tage der Wandereise, die Orte, die Sehenswürdigkeiten und ergänzt diese Beschreibungen mit kleinen Notaten zu Begrifflichkeiten, Gedankengänge und er versucht sich auch in die Gedanken seiner Eltern zu dringen. Ein wunderbares Tagebuch!

Eine Klitzekleinigkeit hat mich dennoch gestört. Mir wurde es ab der Mitte etwas zu religiös. Darüberhinaus wurden auch manche Sehenswürdigkeiten zu ausführlich beschrieben. Aber insgesamt ist es >allerhand<, was der junge Autor mit 12 notiert und aufgeschrieben hat. >Donnerwetter!<

Persönlich habe ich beim Lesen sehr viele Parallelen beim Vater entdeckt, nicht nur in Bezug zu Menschen, Menschenansammlungen, Touristen, wandern, reisen und der Langsamkeit, nein auch die Zeichnungen und zwar schnelle Skizzen ohne Menschen, aber mit viel Landschaft, Gebäuden und kleinen Details, die einem ins Auge fallen.

>>dass das ununterbrochene Notieren mir den Kontakt zu mir selbst und zu den vertrauten Räumen erhielt, ja dass das Notieren mir eine Art mobiles Zuhause bescherte, in dem ich mich gerade dann aufhalten konnte, wenn die Eindrücke der Fremde unübersichtlicher wurden und mich zu irritieren begannen.<<

Beeindruckend fand ich einfach diese Gedanken, warum und weshalb es zu Reise kam und zwar in den 60er Jahren, als sich im Allgemeinen Eltern nicht solch große Gedanken um ihre Kinder machten. Der Vater hat immer dafür gesorgt, dass Hanns-Josef Ruhephasen hatte und alle Eindrücke niederschreiben konnte.

>>Das Notieren und Schreiben diente der Bewahrung und führte mit der Zeit dann auch wahrhaftig zu einer Entkrampfung: Die unterschwellig stets vorhandene Angst gegenüber dem Fremden ließ nach und verwandelte sich in ein vorsichtiges Zutrauen, das mir allmählich sogar erlaubte, nicht nur mit fremden Räumen, sondern auch mit fremden Menschen Kontakt aufzunehmen.<<

Auch hier entdecke ich Parallelen und kann somit die Situation und den Grund der Reise, wie auch die Zweite sehr gut nachvollziehen.

Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er lebt als Schriftsteller in Stuttgart, Wissen an der Sieg und Rom und lehrt als Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den  bedeutendsten deutschen Autoren der Gegenwart, sein Werk ist mit vielen preisen ausgezeichnet worden …

Luchterhand-Literaturverlag München 2010, aus dem Random-House

e ISBN:  978-3-641-05029-0

„Alle Farben des Schnees/ Senter Tagebuch“ von Angelika Overrath

Herr Klug: Ui, was war das denn jetzt?

Herr Aktion: Ich weiß es nicht, nur so viel, dass das Buch so aufregend war wie ein regnerischer Tag vor der Glotze.

Herr Schöngeist: Ganz so schlecht war es nicht. Die Landschaftsbeschreibungen, die >Farben des Schnees<, die Gedankengänge der Autorin und einige philosophischen Fragen waren großartig.

Herr Aktion: Ja dabei entstand dann manchmal ein Sog, aber insgesamt waren das die großen Ausnahmen. Beschreibungen von irgendwelchen Personen, die zu Besuch kamen oder Leute aus dem Dorf, und immer mehr und mehr – aber alle völlig offen und leer. Dann kamen die ganzen Reisen, Lesereisen, Bildungsreisen und andere Reisen … das was den Leser wirklich ausfüllte kam zu kurz, viel zu kurz!

Herr Klug: Auch die ganzen Ausflüge ins Romanische fand ich nicht besonders unterhaltsam.

Herr Schöngeist: Das alles haben wir doch dann ab der Mitte übersprungen.

Herr Aktion: Ging ja auch gar nicht anders! Das ist einfach ein Beispiel dafür, dass es kein Tagebuch für die Öffentlichkeit war, geschweige ist – dagegen lesen sich die Tagebücher von Thomas Mann wie Krimis.

Herr Schöngeist: Aber doch nur, weil wir diesen Autor ein wenig kennen und schätzen, Frau Overath ist uns völlig fremd.

Herr Aktion: Bleibt uns auch fremd – das ist der Unterschied.

Herr Klug: Schauen wir mal wie es Herr Ortheil mit seiner „Moselreise“ macht  …

Angelika Overath wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Sie arbeitet als Reporterin, Literaturkritikerin und Dozentin und hat die Romane „Nahe Tage“ und „Flughafenfische“ geschrieben. Der Roman „Flughafenfische“ wurde u.a. für den Deutschen und Schweizer Buchpreis nominiert. Für ihre literarischen Reportagen wurde sie mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Sie lebt in Sent, Graubünden.

Luchterhand Literaturverlag 2010 München aus dem Random-House

eISBN: 978-3-641-05118-1