Im Schatten jünger Mädchenblüte – Marcel Proust

So! Ich hab´mich jetzt durchgewühlt – doch mein Frust ist am Ende dieses Bandes höher als der letztes Jahr – irgendwie habe ich das Gefühl – es wäre meine verlorene Zeit, die ich da sitze und seine Zeit wieder finde. Würde ich malen oder handarbeiten hätte ich ein Resultat – und so – was nehme ich mit? Ich weiß es nicht – ob ich nächstes Jahr wirklich Band III. lesen werde – ob ich das Projekt auf´s Alter verschiebe oder ganz verwerfe. 2014 im August werdet ihr es wissen 😉

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Im Schatten junger Mädchenblüte – Marcel Proust

Teil II. Namen und Orte (2 Jahre später)

Marcel fährt mit seiner Großmutter den Sommer nach Balbec, ein Strandkurort. Er fremdelt schrecklich, lässt sich bemuttern und fiebert.

Es werden zahlreiche Figuren ins Spiel gebracht, und ich hatte das Gefühl, irgendwie alles aufgeblasene Adelige, aber mit genau diesen Leuten will Marcel Umgang haben und so trifft es sich hervorragend, den Neffen der Marquise, Madame de Villeparisis – schmunzel – Robert de Saint-Loup kennen zu lernen, und so in diese Kreise sich ein zu mogeln.

Bloch erkennt direkt warum Marcel diese Freundschaft sucht, und nennt ihn Snob – dich mit dem Adel zu sehen, und dann auch noch zweitrangiger Adel. „Wäre ich einer, würde ich mit dir nicht verkehren.“

Hui, es kommt noch dicker, der Onkel von Robert, Baron von Carlus, ist ein verkappter Guermantes – doch darauf legt dieser keinen Wert …

 

Im Schatten junger Mädchenblüte – Proust

Erster Teil beendet: Nun ist es also aus mit Marcel und den Swanns – zumindest vorläufig, irgendwie habe ich das Gefühl – es wird zu einer Wiederbegegnung kommen.

Gilberte hatte Marcel über und bat darum, dass er sie nicht mehr besuche. Darauf folgen zahlreiche Seiten wie „Mann“ das nun mit sich und seinem Inneren ausmacht. Dabei stellt er nach sehr vielen Seiten fest, dass er sie höchstwahrscheinlich vergessen wird – und wird wiederum melancholisch – es folgen dutzende Seiten. Doch nun ist es scheinbar vorbei, wir sind zwei Jahre weiter gekommen!

Im Schatten junger Mädchenblüte

Auf der Such nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust, die Zeit, die man braucht, die Zeit, die man stehlen muss, die Zeit, die man sich nehmen muss – ein Jahr ist es her – aber nun geht es endlich weiter.

Warum ich solange gebraucht habe?

  • Die kleine Schrift schreckt mich ab, das so eng Gedruckte ohne Absatz und direkte Rede.
  • Und dann auch dieser Standesdünkel, das Gesellschaftliche, Konventionen und Getratsche …

Warum ich dennoch weiter lese?

  • Wenn Proust dann über Klein-Marcel schreibt, seine Gedanken, Vorstellungen und Ahnungen, das ist schön, Zeit zum Schwelgen.
  • Wenn ich seine Ironie durch blicke, mich daran erfreuen kann – das ist etwas für´s Herz.

Inhalts-Check:

  • Zunächst stellt Proust zwei Figuren vor, den Professor Cottard, einen jüdischen Arzt und den Marquis von Norpois, der von kadikalen Republikaner unterstützt wird, Kriegsbevollmächtigter, Botschafter und Diplomat ist. Letzterer wird gerne im Haus des jungen Marcels gesehen – dem Leser wird allerdings schnell klar, was er für ein Typ ist.

Ich finde meine Hüte nicht. Ich behalte sie.

  • Marcel darf eine Theateraufführung beiwohnen, seine erste, die Berma hat ihren großen Auftritt, anschließend kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Marquis und Klein-Marcel, leider hat der Junge noch nicht den Rückhalt dagegen zu halten.

Er ist kein Kind mehr, seine Neigungen werden sich nicht mehr ändern.

  • Marcel wird wieder krank, sein Lungenleiden, und Cottard diagnostiziert Asthma. Doch kaum wieder gesund, kommt ganz unerwartet eine Einladung von Gilberte – die Swanns laden ein.

Unsere Wünsche überlagern sich oft, und im Gewirr des Darseins ist selten ein Glück genau dem Wunsch angepaßt, der es herbeirufen wollte.

  • Nun geht er im Hause Swann ein und aus, er gehört zu ihnen und nimmt ihre Geflogenheiten an.

Proust – Unterwegs zu Swann

Nicht das Böse gab ihr die Vorstellung von der Lust oder schien ihr angenhem; die Lust vielmehr kam ihr böse vor. (241)

… bizarre Gewohnheiten gewähren von denen sie stets annehmen, daß sie sie in kürzester Zeit wieder aufgeben werden, und die sie stets beibehalten, einmal vom Räderwerk ihres Mißbehagens und ihren Schrullen erfaßt, machen sie unnütze Anstrengungen, um sie abzulegen, und sichern dadurch nur  um so zuverlässiger das Funktionieren, das Auslösungssystem ihrer seltsamen, unausweichlichen und verderblichen Lebensweise. (247)

Proust – Unterwegs zu Swann

Und verfügte dieser unerträgliche, unüberhörbare Legrandin nicht über die nette Ausdrucksweise jenes zweiten, so war er doch viel schlagfertiger, bestand aus lauter „Reflexion“, wie man sagt, und wenn der Konversationskünstler in Legrandin ihm schweigen gebieten wollte, hatte der andere längst gesprochen …

Mama amüsierte sich jedesmal köstlich, wenn sie Legrandin in fraganti bei der Sünde ertappte, die er nicht eingestand und auch weiterhin als die Sünde bezeichnete, für die es keine Vergebung gibt: dem Snobismus.

Offenbar stellten sie sich ästhetische Vorzüge als materielle Dinge vor, die man mit offenen Augen einfach wahrnehmen muß, ohne daß es nötig gewesen wäre, zuvor in seinem Herzen entsprechende Vorstellungen heranreifen zu lassen.

Proust – Unterwegs zu Swann

  • Gesellschaftlicher Ehrgeiz war ein Gefühl, das meine Großmutter so unfähig war zu hegen und beinahe auch zu verstehen, daß es ihr ganz unnütz schien, es mit solcher Heftigkeit zu bekämpfen.
  • … der Nächstenliebe zu begegnen, dann hatten diese im allgemeinen das muntere, positive, gleichgültige und etwas schroffes Gebaren des eiligen Chirurgen an sich und ein Gesicht, auf dem kein Mitgefühl, kein Gerührtsein gegenüber dem menschlichen Leiden zu lesen stand, freilich auch keine Furcht, daran zu rühren, kurz sie zeigten die Züge ohne Sanftmut, das unsympathische, erhabene Antlitz der wahren Güte.

Proust – Unterwegs zu Swann

  • So wurde zum ersten Mal meine Traurigkeit nicht mehr als etwas Strafbares angesehen, sondern als ein ungewolltes Übel, das man offiziell als einen nervösen Zustand anerkannte, für den ich nicht verantwortlich sei, es wurde mir also die Erleichterung zuteil, daß ich keine Bedenken mehr in der Bitterkeit meiner Tränen zu mischen brauchte, ich konnte weinen, ohne schuldig zu sein.
  • Es ist ganz offenbar, daß die Wahrheit, die ich suche, nicht in ihm ist, sondern in mir.

Proust – Unterwegs zu Swann

  • Im Schlaf versammelt der Mensch um sich im Kreise den Lauf der Stunden, die Ordnung der Jahre und der Welten. (S. 9-10)
  • Doch selbst hinsichtlich der unscheinbarsten Dinge des Lebens sind wir nicht ein objektiv erfassbares Ganzes, … als soziale Person sind wir eine geistige Schöpfung der anderen. (S. 29)
  • Wir statten die physische Erscheinung des Menschen, den wir sehen, mit all den Vorstellungen aus, die wir von ihm haben, und in dem Gesamtbild, das wir uns machen, spielen diese Vorstellungen sicherlich die Hauptrolle. (S. 29)
  • Wann immer andere einen noch so kleinen Vorteil ihr vorauszuhaben schienen, redete sie sich ein, daß es kein Vorteil, sondern ein Mangel sei, und bedauerte sie, um sie nicht beneiden zu müssen. (Die Großtante S. 36)