„Der Fremde“ von Albert Camus

Ein verstörender Roman!

Ich bin ja an den Roman heran gegangen, wie die Jungfrau zum Kind – und empfand direkt den Stil sehr seltsam! Der Sohn, Meursault, fährt zur Beerdigung seiner Mutter und ist ziemlich regungslos. Nicht dass er willenslos, gesteuert ist, nein, das ist es nicht, er weiß schon ganz genau, was er will. Aber er kann mit Empfindungen, ob sie nun von außen an ihn heran getragen werden, oder seinen eigenen, überhaupt nichts anfangen. Irgendwie schien mir diese Figur autistisch, nicht dumm aber emotionslos.

>>Ich hätte gerne versucht, ihm herzlich, sogar liebevoll zu erklären, dass ich nie irgendetwas wirklich hatte bereuen können.<<

Im zweiten Teil habe ich dann einige Parallelen zu „Stiller“ von Max Frisch gefunden. Auch hier dichtet der Staatsanwalt sowie viele andere Figuren dem Angeklagten, Meursault, etwas an, was sich ja so gar nicht verhält, nämlich brutal und hinterhältig zu sein. Auch dieser Protagonist kann sich der Überzahl nicht wehren, denn er ist in sich selber gefangen und nach außen hin scheint er teilnahmslos, so dass man ihn letztendlich verurteilt.

>>Von dem Tag an, an dem ich ihren Brief bekommen habe, […] von diesem Tag an habe ich gefühlt, dass ich in meiner Zelle zu Hause war, und dass mein Leben hier aufhörte.<<

Camus entwirft hier ein ziemlich absurdes Geflecht der Justiz, welche nicht im Zweifel für den Angeklagten handelt, nein, er wird gnadenlos überrannt. Selbst sein Atheismus macht ihn zum brutalen Mörder.

>>Ich begriff, dass ich das Gleichgewicht des Tages, das ungewöhnliche Schweigen des Strandes zerstört hatte, an dem ich glücklich gewesen war. Dann schoss ich noch viermal auf einen leblosen Körper, in den die Kugeln eindrangen, ohne dass man es sah. Und es waren gleichsam vier kurze Schläge an das Tor des Unheils.<<

Mich hat dieses Buch genauso fassungslos zurück gelassen, wie derzeit „Stiller“, nur dass Max Frisch um einiges interessanter zu lesen ist.

>>Der Fremde, bleibt ein Fremder, sowie andere Fremde bleiben und sich selbst fremd sind.<< (Krümel 2014)

„Désirée“ von Annemarie Selinko

Ein großartiger Roman!

Da ich nicht besonders gut Lobeshymnen schreiben kann, werde ich es kurz und knapp halten. Der Roman ist einfach großartig, (1) weil er von Anfang an den Leser in seinen Bann zieht, man das Buch nicht aus der Hand legen möchte und man völlig in die Geschichte eintaucht. Die Figur „Désirée“ wird so eindringlich und mit einer emotionalen Fülle beschrieben, dass man unmittelbar mit ihr empfindet, wodurch ein enormer Sog entsteht. Man möchte selbst mit ihr weinen, wenn es ihr dazu zumute ist.

Und, weil (2) das Buch so streng an der europäischen Geschichte knüpft! Die Hintergründe der französischen Revolution werden transportiert, ihre Auswirkungen und wie Napoléon diese neue Republik wieder in eine menschenfressende Diktatur stürzt. Seine Kriegszüge legen Europa in Schutt und Asche, auch seine Niederlagen in Russland und schließlich sein Waterloo sind Spuren des Todes. Das alles erlebt der Leser hautnah mit. England, das Fürstentum Hannover, Finnland, Norwegen, Schweden und Österreich, auch das Umfeld erhält seine Geschichte. So behält man sie in Erinnerung, das kann kein unpersönlicher Geschichtsunterricht leisten.

Alles zusammen macht dann einen verdammt guten historischen Roman aus! Eine klare Buchempfehlung und für mich ein Highlight!

Liebe Grüße euer Krümel …

„Ginster“ von Siegfried Kracauer

Ein paar abschließende Worte zum Roman „Ginster“ von Herrn Aktion, Herrn Schöngeist und Herrn Klug …

Herr Aktion: Gewartet habe ich Tage, ob irgendwann das Buch mal ins Rollen kommt, ob etwas geschieht …

Herr Klug: (fällt Herrn Aktion etwas ins Wort) Seien Sie doch froh, Sie haben zumindest eine Handlung. Was soll ich denn sagen?

Herr Aktion: Das kann ich jetzt nicht nachvollziehen, denn eine Aussage war direkt zu Beginn greifbar.

Herr Klug: Welche denn?

Herr Aktion: Na die von der Euphorie und dem Krieg, was auch ziemlich paradox ist und im Buch ständig widerlegt wird.

Herr Klug: Oh ha – ja tolle Intention! Dafür braucht man aber dieses Buch nicht zu lesen – ttzzz.

Herr Aktion: Sehen Sie, mir ging es mit der Handlung ebenso! Sie reizt den Leser kaum täglich ein paar Seiten zu lesen.

Herr Schöngeist: Halt Stop! So schlimm war das Buch doch gar nicht. Die Sprache und der ganz verzückte Satzaufbau waren doch – ja ich würde fast schon sagen – genial, einfach großartig!

Herr Klug: Die Sprache konnte aber nicht den ganzen Roman tragen. Sie hören doch selber wie Herr Aktion stöhnt. Uns Zwei war das Buch zu fad.

Herr Schöngeist: (zitiert) >>Eine etwas stubenhafte Erscheinung hinter Brillengläsern, die Behauptungen aufstellte und sie mit heiserer Stimme begründete.<<

>>Beherrschte ihn auch weniger das System, so ließ sich doch die Uniform nicht entfernen, in der er auf Miete wohnte. Das ihr befestigte Seitengewehr hatte ihm der Hausherr hinterlassen; es gehörte zur Wohnung.<<

Herr Aktion: Und wenn schon! Handlungsmäßig war das Buch schwach und mir persönlich war auch die Sprache zu altbacken!

Herr Klug: Da gebe ich Ihnen vollkommen Recht Herr Aktion.

Herr Schöngeist: Okay, ich gebe es auf – ein Buch ohne euch Zwei ist nur die halbe Miete. Warten wir auf bessere Zeiten.

Siegfried Kracauer, 1889 in Frankfurt am Main geboren, wurde als Redakteur der Frankfurter Zeitung zu einem der wichtigsten Feuilletonisten  der zwanziger Jahre. 1930 veröffentlichte er seine bahnbrechende soziologische Studie „Die Angestellten“.  „Ginster“, Kracauers erster Roman erschien 1928, 1933 emigrierte Kracauer nach Frankreich, 1941 schließlich nach New York, wo er 1966 starb.

„Die Schwester“ von Sándor Márai

Ein Roman, dessen Aufbau ich nicht nachvollziehen kann.

Denn er ist in zwei Ebenen aufgeteilt, in der einen wird die Begegnung des Erzählers mit dem berühmten Pianisten Z. erzählt. Es ist kurz vor Weihnachten, man befindet sich in den Bergen, und aufgrund des Wetters sind die Gäste an die unkomfortable Unterbringung des Kurhauses gebunden. Regen, Regen, ständig Regen, alles ist aufgeweicht, selbst die Bettwäsche ist klamm, die Klamotten und so kommt es dann, dass sich diese beiden begegnen und ein paar Worte miteinander wechseln …

Die völlig andere Ebene spiegelt dann das Manuskript des Pianisten, welches der Erzähler nach dem Tod des Pianisten erhält. (Meiner Meinung nach völlig unglaubwürdig.)

>>Welche Krankheit den berühmten Pianisten Z. befallen hatte, vermochte niemand zu sagen. Man sah ihn jedenfalls seit einiger Zeit auf keiner Bühne mehr. War es tatsächlich eine Folge seiner tragisch unerfüllten Liebe?<< (Klappentext)

Was seine Krankheit anging, so tippte ich zunächst auf den Krieg, und dass Z. evtl. Jude sein könnte und dadurch seine Musik verloren hätte … Doch alles kommt ganz anders, und weil alles ganz anders kommt, bin ich der Meinung:

Der erste Teil ist einfach zu langatmig! Muss er überhaupt existieren? Könnte nicht nur ein kleiner Absatz diese Begegnung schildern? Es wäre schlüssiger gewesen der Autor hätte sich nur auf diese Krankheit eingelassen, denn sie ist eine großartige Metapher, und klärt eine große Sinnfrage, den Sinn des Lebens. Aufgrund dessen halte ich diesen Roman als unausgewogen.

Sándor Márai wurde 1900 in Kaschau (heute Slowakei) geboren. „Die Schwester“, 1946 in Ungarn verfasst und publiziert, war der letzte Roman, der in seiner Heimat erschien. 1948 verließ der Autor Ungarn, exilierte nach Italien und lebte von 1952 bis zu seinem Freitod 1989 in Amerika.

Piper Verlag 2002, OT: „ A nover“ 1946, 1955 „Musik in Florenz“, jetzt übersetzt von Christina Kunze, ISBN: 978-3-492-05463-8

„Der Kampf um Wien“ von Hugo Bettauer

Titel: Der Kampf um Wien
Autor: Hugo Bettauer
Verlag: Milena
Erschienen: September 2012
Seitenzahl: 296
ISBN-10: 3852862299
ISBN-13: 978-3852862293
Preis: 22.90 EUR

verfasst von Voltaire:

In welches Genre soll man dieses Buch nun einordnen? Klassiker? Belletristik? Die Tendenz geht wohl zum Bereich „Klassiker“. Oder nein? Doch wohl besser eingeordent im Bereich „Belletristik“.

Sicher gibt es literarisch anspruchsvollere Bücher, trotzdem bietet dieser Roman von Hugo Bettauer ein rundum angenehmes Leseerlebnis. Es ist gerade auch die Person des Hugo Bettauers, die neugierig auf dieses Buch macht. Gehörte dieser Autor doch zu den schillerndsten Autoren seiner Zeit. Bettauer wurde 1872 in Baden bei Wien geboren und wurde 1925 von einem illegalen NSDAP-Mitglied ermordet. Bettauer war immer wieder Zielscheibe antisemitischer Hetze.

In seinen Romanen schreibt Bettauer engagiert über soziale Themen. Ab 1924 gab er die Zeitschrift „Er und Sie. Wochenschrift für Lebenskultur und Erotik“ heraus. Und nicht zuletzt eckte er auch mit diesem Journal immer wieder an. Bettauer war Schriftsteller und Journalist und einer seiner Mitschüler auf dem Gymnasium war Karl Kraus.

In seinem Roman „Der Kampf um Wien“ erzählt Bettauer die Geschichte des Amerikaners Ralph O’Flanagan . Dessen Wurzeln liegen in Wien, war seine Mutter doch eine Wienerin. O’Flanagan gilt als einer der reichsten Männer der Welt und kommt wenige Jahre nach dem ersten Weltkrieg in die österreichische Metropole. Das Land ist wirtschaftlich am Boden und man hofft dass der reiche Amerikaner einiges zur Sanierung des Landes beitragen kann. Bundeskanzler, Generaldirektoren und Bankdirektoren hofieren den Multimillionär und auch eine Gruppe ungarischer Faschisten versucht ihn für ihre Ziele einzuspannen. Damit ist das Wesentliche zum Inhalt dieses Buches auch schon erzählt. Natürlich kommt bei Bettauer auch die Liebe nicht zu kurz. Da ist zum einen die verführerische Lolotte Valon, und zum anderen ist da die hübsche Hilde, ein durch und durch „tugendhaftes“ Mädchen. Aber auch Hilde wird dann im Laufe der Geschichte Opfer einer bösartigen Intrige.

Es ist ganz sicher nicht falsch, wenn man diesen Roman als einen „politischen Groschenroman“ bezeichnet. Bettauer beschreibt schonungslos die sozialen Verhältnisse in Wien kurz nach dem ersten Weltkrieg. Dabei beschönigt er nichts, sondern macht deutlich welche große Kluft zwischen Arm und Reich lag. Er schildert die unterschiedlichen Lebensverhältnisse und macht anschaulich klar, dass der eigentliche Regent, der eigentlich Souverän – nicht die Menschen sind, sondern das Geld.

DIE NEUE ZÜRICHER ZEITUNG bezeichnete Bettauer „…als einen Star der Popkultur, die damals aber noch nicht so hieß….“ und trifft es damit eigentlich sehr gut.

Es ist ein literarisch nicht sehr anspruchsvolles Buch, aber trotzdem „lebt“ dieses Buch. Dazu ist es kurzweilig und in einer schlichten Sprache geschrieben. Ein Buch, das aber auch viele Klischees der Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts nachhaltig bestätigt. In diesem Buch dominiert der Inhalt, nicht aber die Sprache. Wobei sich dieser Roman von Bettauer in sprachlicher Hinsicht aber nicht verstecken muss – gerade im sprachlichen Bereich gibt es besonders in der zeitgenössischen Literatur so unglaublich viele Rohrkrepierer, Bücher die aufgrund ihrer sprachlichen „Verunfallungen“ am besten in einer Mülltonne aufgehoben sind.

Bettauer ist ohne Frage auch ein politischer Schriftsteller. Gesellschaftskritik äußert er unverblümt und nimmt dabei keinerlei Rücksichten.

„Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow

Wir können dem Schicksal nicht entkommen! 

Es ist schon eine außergewöhnliche Situation, in der unser Erzähler gerät. Im russischen Bürgerkrieg erschießt er, der noch 16 Jährige, einen Soldat, der auf einem edlen weißen Ross daher schnellt. Der Weißgardist schaut sich das Gesicht des Strebenden noch einmal an und nimmt dann den Schimmel zur Flucht. Jahre später in Paris erfährt er nun, dass wohl dieser Mann, dieser Tote, noch lebt. Der Erzähler hat ein Buch gelesen, in dem diese Begegnung in allen Einzelheiten beschrieben wird, und so keinen Zweifel offen lässt, dass es sich beim Autor um den Erschossenen handeln muss.

>>Uns wurde das Leben unter der unabdingbaren Voraussetzung geschenkt, dass wir es tapfer verteidigen bis zum letzten Atemzug.<<

Beide Männer kämpfen seither mit ihrem Leben. Der eine kann ohne den Gedanken an den Tod nicht mehr existieren; wird gefühlslos, unnahbar und ohne jegliche Intonation.

>>Wenn wir nichts vom Tod wüssten, wüssten wir auch nichts vom Glück, denn wüssten wir nichts vom Tod, hätten wir keine Vorstellung vom Wert unserer besten Gefühle, wir wüssten nicht, dass einige niemals wiederkehren und dass wir sie nur jetzt in ihrer ganzen Fülle begreifen können.<<

Der andere lebt mit der ewigen Schuld ein Mörder zu sein!

>>Dein Denkvermögen behindert dich sehr, denn ohne es wärst du natürlich glücklich.<<

Doch der Leser muss sich noch auf eine entscheidende Liebesgeschichte einlassen, ohne diese gäb es die Geschichte nicht.

>>Überhaupt existiert die Ethik nur in dem Maße, wie wir sie zu akzeptieren bereit sind.<<

Auch wenn widrige Umstände manchmal am Rad des Schicksals drehen, man entkommt seiner Bahn nicht, man durchläuft nur einen Umweg. Nein ich finde die Handlung nicht gestelzt oder zu sehr konstruiert, sondern sie spiegelt einfach die Wirklichkeit wieder, in der manchmal wiederkehrende Ereignisse oder Endlosschleifen vorkommen, und somit ist das Buch philosophisch tief und eine Leseempfehlung.

>>Selbst die Sprache ist geprägt von der Disharmonie dieser Welt.<< Rosemarie Tietze aus dem Nachwort

Gaito Gasdanow, 1903 in St. Petersburg geboren und 1971 in München gestorben, gilt als einer der wichtigsten russischen Exilautoren des frühen 20. Jahrhunderts. Seit 1923 lebte er im Exil in Paris, wo er begann, regelmäßig literarische und journalistische Texte zu veröffentlichen. Wegen der existentialistischen Prägung seines Werks wurde Gasdanow wiederholt als der „russische Camus“ bezeichnet. Sein Werk umfasst zahlreiche Romane und Erzählungen. Bei Hanser erscheint im Herbst 2012 erstmals in deutscher Übersetzung Das Phantom des Alexander Wolf.

1950 wurde der Roman veröffentlicht und auch in viele Sprachen übersetzt, nur in Deutschland kam er nicht auf den Markt. Bisher gab es lediglich „Der natürliche Reisegefährte“ und „Der Irrtum“ von Gadanow.

http://www.3sat.de/mediathek/index.php?display=1&mode=play&obj=32825

Carl Hanser Verlag 2012, Übersetzung: Rosemarie Tietze, Hardcover 17,90 €, 192 Seiten, ISBN 9783446238534

„Dunkle Wälder“ von S. Corinna Bille

Titel: Dunkle Wälder
OT: Forets obsucres
Autorin: S. Corinna Bille
Übersetzt aus dem Französischen von: Hilde Fieguth
Verlag: Rotpunktverlag Zürich
Erschienen: Mai 2012
Seitenzahl: 160
ISBN-10: 3858694711
ISBN-13: 978-3858694713
Preis: 18.50 EUR

verfasst von Voltaire:

S. Corinna Bille wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Durch einen Artikel in der ZEIT bin ich auf diese Autorin aus der Schweiz aufmerksam geworden. Einer Autorin, die es ganz sicher nicht verdient hat, relativ unbekannt geblieben zu sein.

In ihrem Roman „Dunkle Wälder“ erzählt Corinna Bille von der 50jährigen Blanca. Blanca verbringt den Sommer in einem Chalet in den Walliser Bergen. Ihr Mann Clemens besucht sie dort nur an den Wochenenden, ist er doch in der Woche in seinem Antiquitätengeschäft beschäftigt. Blancas Gesellschaft besteht ansonsten nur aus einem Hund und einer Katze. Und dann ist aber auch noch Guerin, von ihr freundlich „der Einfältige“ genannt. Guerin hat keinen festen Wohnsitz und verdient sich seinen Lebensunterhalt durch Tagelöhnerarbeiten. Immer wieder überrascht er Blanca mit Geschenken aus dem Wald. Blanca ist fasziniert von dem Wald, von der Natur überhaupt. Immer tiefer dringt sie in den Wald hinein, verirrt sich – kann sich aber von der magischen Anziehungskraft des Waldes nicht lösen und will es auch gar nicht.
Die Autorin schildert in diesem Roman auch die Momente grenzenloser Freiheit, abgelöst von Momenten nackter Angst und dunkler Vorahnungen.
Doch dann wird Blanca tot aufgefunden. Man vermutet ein Verbrechen. Und, war es ein Verbrechen?

Wie die ZEIT richtig schreibt, wird bei Literatur aus der Schweiz immer an deutschsprachige Literatur gedacht. Ein Fehler, wie dieses Buch von Corinna Bille zeigt. Auch in anderen Sprachregionen der Schweiz gab es sehr lesenswerte Literatur. Mit ihrer einfachen Sprache vermag die Autoren Stimmungen zu beschreiben, was viele andere Autoren mit vielleicht einer komplizierteren Sprache nicht einmal ansatzweise schaffen.

Corinna Bille wurde 1912 geboren und starb 1979. Sie gilt als einer der bedeutendsten Schriftstellerin der Westschweiz. Eine Schriftstellerin die es verdient hat, auch über die Westschweiz hinaus bekannt zu werden. Sie ist ohne Frage eine „echte Kostbarkeit“ der schweizerischen Literatur.

Mit diesem Buch – aber auch mit ihren anderen Büchern – hat sie ihrer Heimat quasi ein Denkmal gesetzt.

Fazit: Ein lesenswertes Buch von einer Autorin, die weitaus mehr Beachtung verdient hätte. Vielleicht findet sie diese Beachtung ja noch posthum. Der ZEIT sei Dank für das Erinnern an diese Autorin.

„Wendekreis des Krebses“ von Henry Miller

verfasst von Voltaire:

Dieses Buch von Henry Miller gehört ohne Frage zu den herausragendsten und meistdiskutiertesten Werken der Weltliteratur. Immer wieder verfolgt, verboten und missverstanden hat sich dieses Buch doch dann einen festen Platz in der Literaturwelt erobert.

Henry Miller formuliert gradlinig, schonungslos und dabei auch durchaus sensibel. Es ist diese ganz besondere Mischung, die unter anderem den Reiz dieses Buches ausmacht. Natürlich kann dieser Henry Miller auch austeilen, wer keine Gnade vor seinen Augen gefunden hat, den kann er schon literarisch niedermachen und ins Lächerliche ziehen. Aber das ist eben menschlich. Henry Miller stellt für sich ja nicht den Anspruch ein „Gutmensch“ zu sein. Ganz im Gegenteil. Er ist ein Schnorrer, einer der gern auf Kosten anderer lebt, einer der nichts von Treue oder „unverbrüchlicher Freundschaft“ hält. Er ist ein Mensch der zu seinen Charakterschwächen steht; denn es darf nicht vergessen werden, dass dieses Buch – wie so vieles von Henry Miller – autobiographische Züge trägt.

Wer eine durchgehende Geschichte erwartet, wer einen Anfang und ein Ende erwartet, der sollte dieses Buch wohl besser nicht lesen. Dieses Buch hat eigentlich keine durchgehende Handlung bzw. fügen sich die einzelnen Momentaufnahmen nicht passgenau zusammen. Denn es sind Momentaufnahmen die Miller hier niedergeschrieben hat. Aber irgendwie schafft er es doch, dann ein Gesamtbild zu zeichnen, dessen Konturen aber fließend und oftmals verschwommen sind. Konturen, die auf jeden Leser durchaus verschieden wirken können.

Miller beschreibt das Paris der Dreißiger Jahres des vorigen Jahrhunderts. Es ist nicht das Paris der Reichen und Schönen, es ist das Paris der einfachen Menschen, das proletarische Paris, das Paris der Lebenskünstler, Huren und Gestrandeten. Menschen die sicher vieles verloren haben – aber es sind auch Menschen die zumeist ihre Würde bewahrt haben. Auch bleierne Hoffnungslosigkeit lässt immer Raum für einen Silberstreif Hoffnung – und sei er noch so klein – am Horizont.

Es ist ein Buch das nur vordergründig Tabus bricht. Denn Henry Miller macht nichts anderes als das Leben zu beschreiben – wo bitteschön sollen da irgendwelche Tabus gewesen sein? Und „gefickt“ wurde schon zu allen Zeiten – also nichts was man besonders als Tabubruch titulieren sollte. Leben ist eben nicht immer strahlend und porentief rein – Leben ist auch mal dreckig, meistens hart und immer individuell. Und genau das ist es was Henry Miller so großartig beschreibt. Miller nimmt dabei auch eine Gesellschaft aufs Korn, die verlogen und ungerecht ist und nur das Recht des Stärkeren kennt.

Henry Miller hat mit diesem Buch keine Tabus gebrochen – er hat eine Tür zur Gänze geöffnet, die vor ihm bereits Lawrence, Celine ggf. auch Proust schon einen Spalt geöffnet hatten. Henry Miller hatte dann den Mut diese Tür sperrangelweit zu öffnen – und natürlich gab es Widerstand, aber wie die heutige Zeit deutlich macht, hat sich dieses Buch durchgesetzt und ist aus der Weltliteratur nicht mehr wegzudenken.

Fazit: Ein großartiges Buch, ein sehr lesenswertes Buch – ein Buch das das Leben in Momentaufnahmen zeichnet, Momentaufnahmen, die nur vordergründig nichts miteinander zu tun haben. Ein Buch, zusammengesetzt aus vielen Einzelteilen, kein kompaktes Ganzes. Ohne dieses Buch würde der literarischen Welt etwas Entscheidendes fehlen.

Henry Miller wurde am 26. Dezember 1891 in New York geboren. Er starb am 7. Juni 1980 in Pacific Palisades in Kalifornien.

rororo Verlag 1979,Übersetzung: Wagenseil u. Gerhardt, Tschenbuch 9,99 €, 400 Seiten, ISBN: 978-3499143618

„Klein und Wagner“ von Hermann Hesse

Bei dieser Erzählung steht ein innerer Konflikt im Vordergrund. Der Leser wird ganz tief, mit Hilfe des inneren Monologs, in die Gefühlswelt des Protagonisten Hans Klein gezogen. Klein ist von Daheim geflohen, hat Frau und Kinder zurück gelassen und bei seiner Bank irgendwie Geld unterschlagen, womit er jetzt im Zug nach Süden sitzt. Während der Fahrt kommt ihm ein gewisser Wagner in den Sinn, ein Lehrer über den er einen Artikel gelesen hat, dass er Frau und Kinder umgebracht hat – die zweite Ebene.
In Italien angekommen lernt Klein die Tänzerin Teresina kennen, und führt ein sehr trieb gesteuertes Beisammensein mit ihr.

Die Erzählung erinnert an eine Zergliederung aufgrund einer Psychotherapie, wie sie auch Hesse nach seiner gescheiterten Ehe mit C. G. Jung absolvierte. Somit hat von Wedel recht, dass die Werke von Hesse stark autobiographisch sind, denn „Klein und Wagner“ spiegelt das Innen und Außenleben des Autors wieder.

„Jeder stribt für sich allein“ von Hans Fallada

Eins meiner Highlights im Jahr 2011!

Eine ganz einfache, fast stillose Sprache, ziert diesen Roman. Daran muss man sich zu Beginn gewöhnen. Dafür sind seine Figuren ebenso authentisch wie lebendig, die Schauplätze fast plastisch und der ganze Roman wird von einer sehr dichten Atmosphäre getragen.

>>Die Vorübergehenden … vermieden es ängstlich, den im Dreck liegenden Unglücklichen anzusehen, denn sie wussten es ja, aus welchem gefährlichen Hause er hinausgeworfen war. Es war vielleicht schon ein Verbrechen, solchen Verunglückten mitleidig anzusehen, helfen durfte man ihm schon gar nicht.<<

Als Auftragsroman für die „Neue Berliner Illustrierte“ ist dieser Roman entstanden. Ausgangspunkt ist das Ehepaar Hampel und dessen Geschichte, beide sind am 8.04.1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurden. Im Buch sind es dann die Quangels. Das Ehepaar verliert ihren einzigen Sohn an den Führer, und ein Standardschreiben unterrichtet sie – Ehre und Stolz für das Volk. Zorn und Wut bewegen das Paar zur Auflehnung gegen das Regime. Sie beschreiben Postkarten und legen diese in Treppenhäuser in ganz Berlin aus.

>>Nieder mit der Hitler Regierung! Nieder mit dem Zwangselend Diktat in unser Deutschland. Eine Hitler Regierung dürfen wir nicht entlasten!!<<

Einfache Leute aus der Arbeiterwelt lehnen sich gegen die „Schurkenbande“ auf. Fallada reißt damit ein Klischee aus den Angeln, denn die kollektiven Mitläufer werden zu Widerstandskämpfer.

>>“Du wirst es nicht nur anhören, du wirst es auch aushalten müssen, Kluge, einen Tag, zwei, drei, fünf Tage – immer, Tag und Nacht, und dabei werden sie dich hungern lassen, dass dein Magen zusammenschrumpft wie eine Bohne, dass du vor Schmerzen innen und außen umzukommen meinst. Aber du wirst nicht umkommen; so leicht lassen die einen, den sie mal in ihren Fängen haben, nicht los.“<<

Und heute bewegt dieser Aufstand gegen das Naziregime die ganze Welt, das Buch wird „zum internationalen Ereignis, zum Amazon-Toptitel und Spitzenreiter der einschlägigen Sellerlisten in zwanzig Ländern“.

Die neue Ausgabe des Aufbau-Verlags erscheint nun in ungekürzter Länge. Warum vor 60 Jahren so viel aus dem Roman herausgestrichen wurde, kann heute nicht mehr eindeutig nachvollzogen werden. Fadenscheinige Ausflüchte wie „die objektive Kritik an Zeitromanen wurde überschritten“ oder „es sei ein Zuhälterroman mit politischen Aufputz“ werden angeführt.
Fakt ist, dass der Aufbau-Verlag der bekannteste Verlag in der ehemaligen DDR war, und das nächste Regime wieder Grund zum kritisieren und zensieren hatte.

>>Die aufgehobenen Streichungen verändern den Text nicht grundlegend, zeigen ihn aber rauher und authentischer, so wie Fallada ihn intendiert hatte.<<

Meine Gedanken zur Lektüre: Die Menschen gleichen drei verschiedenen Marionetten-Typen, den Mitläufern, den Augen und Ohren-Zuhalter und den Sich-Wehrer, aber allesamt sind sie irgendwie am Faden aufgereiht, grau und düster, aber nicht wirklich lebendig, denn sie leben irgendwie unter einer Glasglocke. Das ist reine Authentizität, Fallada erzeugt ein wahres und getreues Bild. Die Angst ist überall präsent. Und dann gibt es diesen Funken Hoffnung …
Oft wird Fallada als Trivialliterat bezeichnet, ich habe es in keinem Augenblick in diesem Werk so empfunden, sondern als echtes Zeitzeugnis aus einer ganz anderen Perspektive heraus. Das Buch hat mich tief bewegt hat – es ist mir ganz tief unter die Haut gegangen, und war so ein ganz besonderes Highlight in 2011!