„Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow

Vorweg direkt, mir gefiel der erste Teil wesentlich besser, als der zweite, denn dieser ist arg moralisierend, schwarz und weiß wurden arg hervorgehoben, wobei das Leben doch eher so grau wie die Masse ist und dort unendlich viele Variationen hat.

Der Teufel kommt über Moskau, und zwar, wie sollte es anders sein, in der Osterzeit. Die teuflische Bande legt innerhalb kürzester Zeit den ganzen Kulturbetrieb lahm. Es kommt zu zahlreichen kuriosen Ereignissen, wie die Hinrichtung auf den Gleisen, 10 Rubel Scheine fallen vom Himmel, ein schwarzer Kater, der spricht, Todesfällen und viele Verhaftungen, die oftmals in der Klapse landen, Feuer und Gewitter à Über Moskau kommt die Pest!

Dann steht da noch die Pontius Pilatus Geschichte im Mittelpunkt, die die zwei Teile vereint, nebst dem Meister, der diese Geschichte niederschrieb.

War ich vom ersten Teil noch wie berauscht, vom großen Wirrwarr, was sich der Autor hat einfallen lassen, ließ mein Interesse im zweiten Teil immer mehr nach. Die irre Geschichte der Hexe Margarita, die plötzlich fliegen kann, dank der Flugsalbe und zur Ballkönigin erkoren wird … Die Frage, die aufgeworfen wird, warum Pontius Pilatus Jesus nicht freisprechen konnte und die Aufdeckung seiner und insgesamt der Feigheit … Dies alles zusammen, machte aus dem locker leichten Erzählton eine schwer verdauliche Packung, die mir zudem keine neue Erkenntnis über die Menschheit brachte.

Volk & Welt Verlag, Berlin 2001

Übersetzt: Thomas Reschke

ISBN: 3-353-00942-6

„Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque

Meine Motivation das Buch zu lesen, beruhte nicht auf Wissensdurst mehr über den 1. Weltkrieg zu erfahren, sondern mein Interesse wurde durch den Literaturclub geweckt, da jetzt „100 Jahre danach“ neue Fakten zur Rezeptionsgeschichte des Werkes zu Tage kamen. Darüber wurde im Club diskutiert und das machte mich neugierig.

Während der Lektüre fiel mein Augenmerk dann schon über zahlreiche Gedankengänge, die ich mir so, gekoppelt mit dieser sehr poetischen Sprache, nicht recht vorstellen konnte.

>>Sieh mal, wenn du einen Hund zum Kartoffelfressen abrichtest und du legst ihm dann nachher ein Stück Fleisch hin, so wird er trotzdem danach schnappen, weil das in seiner Natur liegt. Und wenn du einen Menschen ein Stück Macht gibst, dann geht es ihm ebenso; er schnappt danach.<<

>>Wir sind verlassen wie Kinder und erfahren wie alte Leute, wir sind roh und traurig und oberflächlich, – ich glaube, wir sind verloren.<<

Bei aller Liebe, solche philosophischen Gedanken während der Gräuel kann ich mir nicht vorstellen. (Da ich selber schon Panikattacken erlebt habe, kann ich mir solch weitreichende Gedanken im Schützengraben einfach nicht denken.) Und so ist es ja auch nicht gewesen, denn der Roman ist ja kein Zeitzeugnis (Augenzeugnis), sondern er wurde 10 Jahre nach dem Krieg geschrieben. 10 Jahre in denen man schon die Schrecken verarbeiten, drüber nachdenken und diskutieren konnte. Aber im Schützengraben sind solche Äußerungen wohl kaum gefallen:

>>Das Grauen läßt sich ertragen, solange man sich einfach duckt – aber es tötet, wenn man darüber nachdenkt.<<

>>Seine sonst sehr trockene Phantasie arbeitete sich Blasen.<<

Beim Lesen kamen mir solche Äußerungen immer unwahrscheinlicher vor. Im Anhang der neuen Ausgabe vom Roman findet man dann die ausführliche Entstehungsgeschichte. Es gibt wohl mehrere verschieden ausgelegte Versionen, die über die Jahre entstanden sind und wohl auch immer neu umgemodelt worden sind.

>>Vielmehr deuteten die durch das Typoskript dokumentierten Korekturen des Autors darauf hin, dass er und der Ullstein-Konzern den Text im Hinblick auf die Publikumserwartungen und die Zuordnung zum Genré der nicht fiktionalen Kriegserinnerungsliteratur konzipiert und verändert hatten in verblüffender Übereinstimmung mit den Werbemaßnahmen, zu denen gezielte Fehlinformationen zur Biographie Remarques zählten.<<

>>“Im Westen nichts Neues“ erschien nun als wohldurchdachter, bis ins kleinste Detail der Struktur und einzelne Formulierungen hinein konzipierter Text.<< (aus dem Anhang)

Alleine schon die Unmittelbarkeit wie das Buch verfasst ist – an einen fiktiven Adressaten, den Paul Bäumer direkt anspricht (eine Art Brief oder Berichtform) ist ein großer Kunstgriff. Denn so bekommt auch der letzte Leser weiche Knie bei der Lektüre und steckt mitten im Geschehen.

Persönlich mag ich dieses „Verkünsteln“ in keinster Weise, mir geht dadurch die Authentizität dahin. Ähnliches Empfinden hatte ich bei dem Roman „Austerlitz“ von Sebald, wobei ich die Kunst durchaus anerkenne, sie aber absolut nicht meinen Geschmack trifft.

Kindle Edition

Kiepenheuer & Witsch Verlag 2014

Taschenbuch ISBN: 3-462-04633-0

„Pinocchios Abenteuer“ von Carlo Collodi

Kurzfazit

Dies ist ein Kinderbuch und vielleicht kann ich mit diesem Genre, zudem aus einer anderen Zeit, gar nichts mehr anfangen, denn mir hat dieses Buch, trotz der wunderschönen Holzstiche, so gar nicht gefallen. Das hat zwei Gründe, zu einem weil mir einfach alles viel zu schnell ging. Es ist immer Aktion, ein Ereignis stolpert über ein neues, nie kommt mal eine kleine Pause mit schönen Beschreibungen, das Buch besteht nur aus Handlung.

Und dann die ganzen Belehrungen:

>>Wenn also auch im Pinocchio eine gewisse Pädagogik des Schreckens waltet, wie sie im späten 19. Jahrhundert in Europa vorherrschte, …<< (Joachim Meinert 1985 Nachwort)

Also mir reichte es vollkommen aus, um mir diese Geschichte zu vermiesen, als Kind hätte ich dieses Buch sicherlich in die Ecke gepfeffert, so wie es damals dem „Trotzkopf“ erging.

>>Habt ihr nun verstanden, meine kleinen Leser, welch hübsches Gewerbe das Männlein trieb? […] Wenn dann die armen betrogenen Kinder allezeit nur gespielt und niemals etwas gelernt hatten, wurden sie zu lauter kleinen Eseln.<<

Für mich ist das, das gleiche Maß wie bei Wilhelm Busch – Schreckenspädagogik – und aus diesem Grund hat mir das Buch nicht gefallen. Mehr noch, ich kann es als Kinderbuch nicht weiterempfehlen.

Aufbau Verlag 1988

Übersetzung: Joachim Meiner

Holzstiche: Werner Klemke

ISBN: 3-351-00525-3

„Verzauberter April“ von Elizabeth von Arnim

Eine anmutige Geschichte.

Ein Inserat in der Zeitung erweckt bei Lotty die Vorstellung den April in Italien zu verbringen, doch leider sind ihre finanziellen Mitteln unzureichend um sich einen solchen Luxus auch leisten zu können. Sie ist von diesem Wunsch jedoch so besessen, – endlich aus ihrem grauen Alltag zu entkommen, das triste und verregnete England mit dem Mittelmeer einzutauschen – dass sie eine weitläufige Bekannte Mrs. Arbuthnot anspricht und von diesem Castello schwärmt. Daraufhin ist auch Rose angefixt und die Zwei mieten das Anwesen für den ganzen April. Setzen noch ein Inserat auf, um noch zwei weitere weibliche Begleiterinnen zu finden, damit es für alle vier erschwinglicher wird.

Und so treffen sich die vier Damen in Italien, obwohl sie sich alle nicht kennen und eine jede ihre eigne Geschichte mit sich herumträgt, der Grund warum man dort gelandet ist. Was zunächst sehr oberflächlich beginnt, – getragen durch die herrliche Landschaft, das Blütenmeer und die Aussicht – entwickelt sich zur Freundschaft.

Obwohl die Autorin fast nur Äußerlichkeiten beschreibt, gelingt es ihr, eine sehr dichte Atmosphäre zu schaffen. Eine große Handlung bietet der Roman nicht, und deshalb wird auch kein Spannungsbogen aufgebaut und dennoch ist er in seiner ruhigen Art anregend unterhaltsam. Der Leser erlebt diesen einzigartigen Sommer der Vier hautnah mit und deshalb gibt es von mir 4 Sterne!

Elizabeth von Arnim wurde als Mary Annette Beauchamp am 31. August 1866 in Sydney geboren und wuchs in England auf. Während einer Italienreise lernte sie 1889 ihren Ehemann, den preußischen Adligen Graf Henning August von Arnim-Schlagenthin kennen. Ihre Erlebnisse und tiefe Liebe zu ihrem Familienbesitz Nassenheide in Pommern sollen in ihren bekanntesten Roman „Elizabeth und ihr Garten“ eingehen. Viele ihrer insgesamt 22 Romane erreichten innerhalb kürzester Zeit mehrere Auflagen. Ihre späten Jahre verbrachte sie in der Schweiz, in London und an der französischen Riviera. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, ging sie nach Amerika, wie sie 1941 im Alter von 75 Jahren in South Carolina starb.

 

Verlag CW Niemeyer

Edition Richarz Großdruck

OT: The Enchanted April 1922

Übersetzung: Adelheid Dormagen

ISBN: 3-8271-1950-2

In der Falle …

Derzeit sitze ich fest in der Goethe-Falle. Alle Jahre wieder greife ich zum Geheimrat, schaue ob er mir diesmal was zu sagen hat …, horche, schaue … und? Nix! Ich mag ihn einfach nicht, ich kann seine olle Sprache nicht leiden, kann mit dem Zirkus, den er mir präsentiert, nichts anfangen, seine Gedanken – aber jetzt werde ich es auch zu Ende bringen!

Und gleich danach stürze ich mich in Frisch, dessen Journal, Tagebücher und „Montauk“ hier bereit liegen *wink*

„Ostwind – Westwind“ von Pearl S. Buck

???????????????????? Im Reich der Mitte – China um die Jahrhundertwende zum 20. Jh..

Eine junge Chinesin steht davor ihren Verlobten zu heiraten, dem sie schon seit ihrer Geburt versprochen ist, ihr ganzes Leben wurde sie auf diesen Tag vorbereitet – doch dann möchte dieser von ihr eine Entscheidung: Er möchte sie nur heiraten, wenn sie sich der modernen Welt öffnen wird. Das heißt zum Beispiel als erstes, dass sie ihre geschnürten Füße aus ihren Umschlägen und Verbände befreien soll. Die Strapazen noch einmal erleben, den Schmerz, die Pein, die Qual über Wochen, um dann schrecklich große Füße zu besitzen. Da sie nicht weiß was eine eigene Meinung ist, weil sie sich gegen ihre Ahnen, Höheren und ihren versprochen Gatten nicht zur Wehr setzen kann, sie nur gedrillt ist auf Gehorchen – sagt sie diesem zu, ohne zu wissen worauf sie sich ein lässt.

Sie findet durch dieses Versprechen ihr Glück, denn ihr Gatte hat sich auf die moderne westliche Welt eingelassen, hat in Amerika Medizin studiert und sich weitestgehend von seiner Familie und Tradition gelöst. Ihrem Bruder trifft das Schicksal bitterer …

>>Es sind erbarmungslose Tage für die Alten. Kein Ausgleich ist möglich zwischen alt und jung. Sie sind so scharf getrennt, als ob ein neues Messer einen Zweig vom Baum geschnitten hätte.<<

Die Sprache des Romans passt sich der alten Tradition an, ist verspielt, mit vielen Schnörkeln ausgeschmückt, und weicht dem Thema oft aus. Dadurch vermag man die kleinen Anspielungen wahrzunehmen und zu deuten – das Alte wird so perfekt transportiert.

>>Aber ich kann nichts sagen, weil die Rede zwischen uns durchbrochen ist, von Worten die nicht verstanden werden.<<

Mir hat dieses Buch der Nobelpreisträgerin Buck ganz gut gefallen, ganz gut nur weil die Sprache einem sukzessive einlullt, und dadurch verliert die Handlung an Dramatik, die ja vorhanden ist, und Spannung, obwohl der Stoff sehr prekär ist.

Pearl S. Buck wurde 1892 in West-Virginia, USA, als Tochter eines Missionars geboren. Bis auf ihre Studienzeit in europa und Amerika verbrachte sie ihre Kindheit, Jugend und die ersten Jahre ihrer Ehe in China. Seit 1934 lebte sie auf ihrer Farm in Pennsylvania, wo sie 1973 verstarb.
Ich habe die Lizenzausgabe des Zsolnay Verlag für Bertelsmann Buch Nr. 061069 gelesen. (Mehr Angaben gibt es nicht.)

„Vom Winde verweht“ von Margaret Mitchell

Ich denke, die Handlung ist jedem bekannt. Zumindest einmal im Leben hat man diesen Filmklassiker schon gesehen. Aber warum nicht gelesen? Ich persönlich hatte da meine Vorurteile: kitschig und seichte Schmonzette, doch was für ein Fehler!

Denn dieser Roman kann es mit den großen Romanen von Tolstoi durchaus aufnehmen. Die Handlung umfasst Zeitgeschichte, der Bürgerkrieg zwischen Yankies und Südstaatler, die Figuren lehnen sich an diese Zeit an oder verkörpern gar den Zeitgeist, und darüber hinaus gibt es noch diese sensationelle Liebesgeschichte zwischen Rhett Butler und Scarlett O´Hara, die psychologisch sehr tief ist, und ich sie in dieser Ausführlichkeit noch nie gelesen habe. Große Menschenkenntnisse muss die Autorin besessen haben. Auch hat mir die Figurenkonstellation, die Gegenüberstellung von Scarlett zu Melly, und Rhett zu Ashley, sehr gut gefallen, eine wahre Fundgrube menschliche Abgründe.

Kurz und schmerzlos. Mir gefiel dieses Buch wahnsinnig gut. Es hat mich über trübe Wochen hinweg gut unterhalten und mir so viele Stunden versüßt! Eine klare Empfehlung.

„Meine geheime Autobiographie“ von Mark Twain

Titel: Meine geheime Autobiographie
Autor: Mark Twain
Übersetzt aus dem Amerikanischen von: Hans-Christian Oeser
Herausgegeben von: Harriet Elinor Smith
Verlag: Aufbau
Erschienen: Oktober 2012
Seitenzahl insgesamt: 1129
ISBN-10: 3351035136
ISBN-13: 3351035136

Verfasst von Voltaire:

Mark Twain hatte verfügt, dass diese Autobiographie erst 100 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden dürfe. Nun sind diese 100 Jahre vergangen und die Autobiographie ist für jedermann zugänglich. Endlich (!) möchte man sagen. Denn dieses Buch ist ein wirkliches Highlight, nicht nur im Bereich der „Autobiographische Literatur“.

Mark Twain wurde am 30.11.1835 in Florida (Missouri) geboren. Sein richtiger Name allerdings lautete: Samuel Langhorne Clemens. Twain war Lotse auf dem Mississippi, nahm am amerikanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Konföderierten teil und war auch Silbersucher in Nevada. Er lebte zeitweilig in San Francisco und auf Hawaii und war auch als Reisender in Europa unterwegs. Mark Twain starb am 21.04.1910 in Redding (Connecticut).

Diese Autobiographie besteht aus zwei Bänden:
Band 1: Meine geheime Autobiographie
Band 2: Zusätze und Hintergründe

Wer dieses Buch zur Hand nimmt, dem steht ein wirklich eindrucksvolles Leseerlebnis bevor. Mark Twain schildert sein Leben in Episoden, anhand von Briefen und Zeitungsausschnitten, springt zwischen den verschiedenen Zeiten hin und her und stützt sich auch auf die Biographie die seine Tochter Susy über ihn geschrieben hat. Seine Tochter Susy wurde 1870 geboren und starb im August 1896. Mark Twain hat sehr unter dem Tod der Tochter gelitten und beschäftigt sich in seiner Autobiographie sehr intensiv mit ihr. Man kann davon ausgehen, dass er den Tod der geliebten Tochter bis zu seinem eigenen Tod nie verwunden hat.

Mark Twain führte nach eine sehr glückliche Ehe. Seine Frau starb 1904 in Florenz in Italien. Er beschreibt sie in den „New Yorker Diktaten“ mit sehr liebevollen Worten – und als Leser nimmt man ihm dabei jedes Wort ab.

Das Besondere dieser Autobiographie ist nicht nur ihr Aufbau sondern eben auch das Mark Twain immer wieder über den Tellerrand schaut. So macht er sich Gedanken über das Duellieren und geht auch mit dem Präsidenten Theodore Roosevelt durchaus hart ins Gericht, kritisiert hier besonders die Bürgerferne des Präsidenten. Herrlich dabei seine leise Ironie, die aber nicht über den Ernst der geschilderten Begebenheiten hinwegtäuscht.

Mark Twain hatte große Teile seiner Autobiographie diktiert. Da gibt es
die Florentiner Diktate
die New Yorker Diktate und
die Grant-Diktate

Immer wieder finden sich in den Texten Stellen, gekennzeichnet mit dem besonderen Humor des Mark Twain. Er war eitel, nahm sich aber trotzdem nicht allzu wichtig, er konnte brillant schreiben, zweifelte aber immer wieder an sich selbst. Und auch seinen Konkurs als Verleger stürzte ihn nicht ins tiefste Elend, auch aus dieser Misere schaffte er es sich augenzwinkernd irgendwie wieder herauszulösen. Aber es gibt auch den anderen Mark Twain, den Mark Twain der gefühlvoll ist, der keinen Hehl aus seiner Liebe zu seiner Familie macht, der sehr warmherzig und aufrichtig schreiben konnte, wobei Gefühlsduselei bei ihm absolut chancenlos war.

Der Leser erfährt in diesem Buch nicht nur sehr viel über das Leben dieses großen amerikanischen Erzählers, Mark Twain schafft es auch eine Zeit lebendig werden zu lassen, die schon sehr lange vergangen ist. Mark Twain gehörte zu den Schriftstellern, die großartig erzählen konnten und die vor allen Dingen auch wirklich etwas zu sagen hatten – er war keiner dieser wichtigtuerischen Schwätzer, die man heute leider allzu häufig in der literarischen Welt antrifft. Und vieles von dem was Mark Twain zu seiner Zeit geschrieben und gesagt hat, trifft auch auf die Welt von heute noch ohne Abstriche zu.

Fazit: Ein großartiges Buch. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen.

„Die Wildgans“ von Mori Ôgai

Eine sehr poetische, anmutige Erzählung!

Der Medizinstudent Okada kommt bei seinen Spaziegängen immer wieder an Otamas Haus vorbei. Obwohl er immer sehr in Gedanken ist, prägt sich das Bild von Otama in seinen Kopf ein und irgendwann grüßt er sie unbewusst. Ganz verlegen grüßt sie zurück. So entsteht das Begrüßungsritual, und sie wartet darauf, dass er kommt, und er geht immer öfter an ihrem Haus vorbei …

Otama hat ein leidiges Leben hinter sich. Allein mit ihrem Vater lebte sie in ärmlichen Verhältnissen, führte ihm den Haushalt, auch schon als Kind – eine Aussicht auf ein besseres Leben, eine gute Partie, hat sie nicht. Ein Polizist hat die beiden schon betrogen – jetzt ist sie die Nebenfrau eines Wucherers!

Der Autor schreibt mit ganz zarter Feder, sehr einfühlend – dabei fließt das Geschehen ganz weich und langsam auf das unausweichliche Ende zu. Ich kann dieses Buch nur wärmstens empfehen!

>>“Die Wildgans“ ist eines der ersten Beispiele für eine autonome Form moderner japanischer Erzählkunst, die sich bewusst und wählerisch die Erfahrung einer neuen Welt zu eigen machte und sich zugleich der Werte ihrer eigenen literarischen Tradition versichterte. << (aus dem Nachwort von Fritz Vogelgsang

Mori Ōgai (jap. 森 鷗外; * 17. Februar 1862 in Tsuwano; † 9. Juli 1922 in Tokio) war ein japanischer Militärarzt, Dichter und Übersetzer. Ōgai (“Möwenfern”) ist sein Schriftstellername, den er mit Unterbrechungen in den Jahren 1885 bis 1913 gebrauchte. Sein Familienname ist Mori, sein persönlicher Name Rintarō (林太郎).

Krümel

Manesse Verlag aus dem Random House GmbH 2012, OT: Gan 1915, Übersetzung: Fritz Vogelgsang, Gebundene Ausgabe Leinen €, 236 Seiten, ISBN: 978-3-7175-2278-2

„Unterwegs zu Swann“ von Marcel Proust

Heilfroh bin ich, dass ich die kommentierte und revidierte Ausgabe von Luzius Keller lese, dadurch wird das Lesen einfacher! Denn die ältere Übersetzung von Eva Rechel-Mertens finde ich wesentlich umständlicher zu lesen, da kommt kein rechter Lesefluss zustande.

Wenige Seiten nach Beginn des Proust-Projekts beginnt die erste Erzählsequenz: >Das Drama des Zubettgehens<. Dort erfährt dann der Leser, was ihn nun über viele tausend Seiten erwartet. Sowie die Laterna magica, die den kleinen Marcel abends das Einschlafen leichter machen soll, viele bunte Lichter an die Wand projiziert, verliert sich auch das Erzählen ins Weite. Über „Brabant und Golo“ aus mittelalterlicher Legende, gelangt man zu Bathilde, Marcels Großmutter, die ihren Gatten vom Alkohol fern halten soll, doch nie durch diese Demütigung der Großtanten ihre natürliche Haltung verliert. Vom willensschwachen Marcel, der unbedingt auf seinen Gute-Nacht-Kuss von der Mutter besteht, zu Swann, der von der Großtante herabgewürdigt wird, um von ihren Minderwertigkeitsgefühlen abzulenken:

>>Wann immer andere einen noch so kleinen Vorteil ihr vorauszuhaben schienen, redete sie sich ein, daß es kein Vorteil, sondern ein Mangel sei, und bedauerte sie, um sie nicht beneiden zu müssen.<<

Der Höhepunkt des ersten Kapitels liegt dann im darauf Bestehen des Gute-Nacht-Kusses. Marcel erleidet tausend Qualen, er will seine Mutter, wenn auch nur für Sekunden, ganz für sich besitzen, diese ganze Szene hat extreme ödipale Züge, und der Vater verweist die Mutter >der Kleine hat doch Kummer< über die ganze Nacht in Marcels Zimmer:

>>So wurde zum ersten Mal meine Traurigkeit nicht mehr als etwas Strafbares angesehen, sondern als ein ungewolltes Übel, das man offiziell als einen nervösen Zustand anerkannte, für den ich nicht verantwortlich sei, es wurde mir also die Erleichterung zuteil, daß ich keine Bedenken mehr in der Bitterkeit meiner Tränen zu mischen brauchte, ich konnte weinen, ohne schuldig zu sein.<<

Das zweite Kapitel beginnt ganz wunderbar mit der Beschreibung von Tante Léonie und Francoise, die oben in ihren Zimmern über ganz Combray walten und denen nichts entgeht.

>>Offenbar stellten sie sich ästhetische Vorzüge als materielle Dinge vor, die man mit offenen Augen einfach wahrnehmen muß, ohne daß es nötig gewesen wäre, zuvor in seinem Herzen entsprechende Vorstellungen heranreifen zu lassen.<<

Marcels Leselust wird thematisiert, er liest immer und überall, seine Lektüre begleitet ihn fortwährend. Seine Kontrastfigur Bloch, von dem er scheinbar diesen Leseeifer übernommen hat, der ihn auch die interessanten Bücher und Autoren steckt, wird vorgestellt. Und dann kommt es zum Wandel, vom Jungen zum jungen Mann, was Proust so herrlich mit Blüten und Farben verpackt hat.

Ab in den zweiten Teil und in Swanns Liebesleben: Swann verliebt sich in Odette de Crécy, eine Kurtisanin wie man nachlesen kann, und diese Beziehung entwickelt sich sehr langsam – so wie nun alles bei der Recherche. Im Grunde ist er gar nicht so sehr von ihr angetan, die Begeisterung wächst erst als er feststellen muss, wie sehr sie von allen Seiten her umworben wird. Dadurch wird auch direkt eine ungesunde Eifersucht geweckt. Eigentlich, so möchte man meinen, ist dieser Teil eine perfekte Beschreibung von Freuds Psychoanalyse und neurotischem Verhaltens.

>>Diese Bedingung aber ist erfüllt, wenn […] ein qualvolles Bedürfnis entsteht in dem Augenblick, da diese Person uns fehlt […] sie zu besitzen.<<

Im dritten Teil „Namen und Orte“ werden dann noch flüchtige Ereignisse beschrieben, zentral im Mittelpunkt steht Marcels Gesundheitszustand, dass er in Paris bleiben muss und nicht reisen darf, und so Gilberte, Swanns Tochter, wieder trifft – flammende Herzen …

Insgesamt hat mich aber der erste Band (von sieben) nicht so sehr erfasst wie erhofft, der erste Teil ist wunderschön, vielleicht auch weil das naiv Kindliche so sehr zum Tragen kommt. Die Liebesgeschichte um Swann, mit seinen ganzen gesellschaftlichen Konventionen und den ganz typischen Verhalten von blinder Liebe war interessant, emotional konnte es mich allerdings nicht erreichen.

Krümel

Suhrkamp Verlag 2004, Übersetzung: Eva Rechel-Mertens revidiert von Luzius Keller, 1. Band „Unterwegs zu Swann“, 715 Seiten, 7 Bände im Schuber, ISBN: 978-3518061756