„Vielleicht Esther“ von Katja Petrowskaja

Eine Familienrecherche.

Ich kann nicht sagen, dass mir das Buch gut gefallen hätte. Ferner kann ich auch nicht sagen, ob mir die Geschichte gut gefallen hätte, denn zu einem ist es ja keine Erzählung im engeren Sinne – es sind Bruchstücke, Bruchstücke aus Erinnerungen, Erzählungen von Menschen die Petrowskaja auf ihrer Reise kennen gelernt hat, alte Fotos und Familienanekdoten. Die Autorin schreibt einfach alles chronologisch nieder, ohne große Zusammenhänge, was sie auf ihrer Recherche durch Europa über ihre Familie zusammen getragen hat.

Das Besondere dabei ist, dass sie es in deutsche Worte fasst, obwohl sie erst seit 1999 in Deutschland lebt und eben Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. (Ich habe Petrowskaja bei >lesenswert< gesehen und aufgrund dessen erahnen können, welcher Akt es für sie gewesen sein muss. „Aber in Russisch hätte sie ihre Geschichte nicht fassen können, das ging nur über diesen Umweg.“)

Was an diesem Buch fesselnd ist, ist die Dramatik, die Tragik – eigentlich aller Familienmitglieder, wie zum Beispiel Judas Stern – den „Meschuggen“. Er schoss 1932 auf einen deutschen Botschafter „und löste damit den II. Weltkrieg aus“. Ganz schrecklich zu lesen war das 5. Kapitel >Babij Jar<. Eine Schlucht in Kiew in der man 100.000 oder 200.000 Menschen hinein warf und erschoss, die genaue Zahl weiß man nicht – spielt es eine Rolle? Am 29. September 1941 um 8 Uhr sollten alle Juden sich dort einfinden – Befehl der Deutschen, nur Babuschka kam mit ihren schweren Beinen nicht …

Ich finde es erstaunlich, dass die Autorin diese Recherche überhaupt zu Papier gebracht hat, auch wenn man das Fassungslose aus jeder Zeile heraus liest. Diese Tragik reicht für ihr ganzes Leben, sie kann daraus zahlreiche Romane entwerfen und ich denke, „Vielleicht Esther“ ist erst der Anfang. Neugierig bin ich auch, in welcher Sprache es jetzt weiter geht.

Suhrkamp Verlag 2014

ISBN: 978-3-518-42404-9

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„Die Erfindung des Lebens“ von Hanns-Josef Ortheil

Es hätte ein richtig guter Roman werden können …

Johannes, der Protagonist, wäre eigentlich der fünfte Sohn seiner Eltern gewesen, doch alle vier Brüder starben kurz nach dem Krieg, er ist der einzige Sohn seiner Mutter geblieben, die auf dieses Schicksal mit Stummheit reagiert. Und so schweigt sie ihren Sohn an, verlebt mit ihn in Köln eine sehr ruhige Kindheit, die sich nur zwischen der Wohnung und kurzen Einkäufen, oder kurzen Spaziergängen an den Rhein bewegen. Völlig in sich gekehrt erlebt der Protagonist dann das allabendliche Ritual, wenn sein Vater nach Hause kommt, am Wasserhahn trinkt und die Zettelchen der Mutter gelesen werden.

In dieser stillen Zeit bleibt auch Johannes stumm, das ändert sich erst als er eingeschult wird und man ihn aufgrund dessen in der Schule moppt und triezt. Da erst schreitet der Vater ein, nimmt seinen Sohn von der Schule, fährt mit ihm, ohne die Mutter, in seinen Heimatort und dort erst erfährt Johannes was Leben wirklich heißt … Es dauert auch nicht lange bis er anfängt zu schreiben, zu lesen und dann auch zu sprechen. Er lernt schwimmen, er lernt zu leben …

Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich das Buch sehr gerne gelesen, denn Ortheil erzählt ganz eindringlich, die Geschichte von Johannes, die vielleicht auch die seine ist. Als dann der Roman immer mehr aus der römischen Perspektive geschildert wird und sich der Erzähler ständig in die Handlung einmischt, nein vielmehr die Handlung erklärt, wird der Roman teilweise zur Farce. Die Erzählung hat keinen Fluss mehr, der Leser wird ständig vom schmökern abgehalten und belehrt, dabei könnte man diese Geschichte so wunderbar erzählen – fließen lassen –schade drum!

btb Verlag, Random House 2011
ISBN: 978-3-442-73978-3

„Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ von Joachim Meyerhoff

Ein Episoden-Roman!

Der junge Held des Romans wächst auf dem Gelände einer psychiatrischen Klinik für Kinder und Jugendliche auf, da sein Vater der Chefarzt ist. Ihr Wohnhaus steht mittig im Klinikzentrum, sie sind quasi umzingelt von Verrückten. Und das ist eigentlich der Tenor dieser Geschichte.

Der Ich-Erzähler, er geht gerade zur Grundschule, schildert eine kuriose Episode nach der anderen: von den Bekloppten, vom hohen Besuch, die dann die Insassen kennen lernen, von Glockenträgern, Lacher am laufenden Band …

Doch so unterhaltsam das die ersten 100 bis 150 Seiten ist, nach 200 Seiten war bei mir die Luft raus, ich hatte absolut keine Lust mehr auf diesen flachen Humor, und habe das Buch beiseite gelegt!

Joachim Meyerhoff, geboren 1967 in Homburg/Saar, aufgewachsen in Schleswig, ist seit 2005 Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters. In seinem sechsteiligen Zyklus »Alle Toten fliegen hoch« trat er als Erzähler auf die Bühne und wurde zum Theatertreffen 2009 eingeladen. 2007 wurde er zum Schauspieler des Jahres gewählt. Für seinen Debütroman wurde er mit dem Franz-Tumler-Literaturpreis 2011 und dem Förderpreis zum Bremer Literaturpreis ausgezeichnet.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013

ISBN: 978-3-462-04516-1

„Das Kind, das nicht fragte“ von Hanns-Josef Ortheil

Ein ganz tiefes Buch!

Denn der Autor lässt uns ganz tief in die Seele des Protagonisten blicken, die die Traumen der Kindheit noch nicht verarbeitet hat und bis in die Mitte des Lebens verzweifelt versucht sich zu öffnen.

Direkt zu Beginn bekommt man ein gutes Bild davon wie der Protagonist tickt. Anders eben – und er weiß auch nicht so recht, wie er sich unter anderen Menschen verhalten soll, denn das, was er gerne macht, wird anders gedeutet als es von ihm gewollt ist. So bleibt er beispielsweise länger im Flugzeug sitzen als die anderen Passagiere, weil er die Eindrücke des Fluges noch nachklingen lassen möchte, und er auch Sizilien langsam betreten möchte. Er sieht dabei die besorgten Blicke der Stewardessen, die ihn loswerden wollen, da sie Feierabend haben möchten, und vielleicht denken, dass es ihm nicht gut geht. Solche Konflikte führen bei ihm zur Unsicherheit. Und so kommt es dann, dass eine von ihnen mitbekommt, wie er nach einer Marzipanorange greift, sie allerdings mit einer echten verwechselt, viel zu sehr zudrückt und das Zuckerding ihn an den Fingern klebt. Ganz große Verunsicherung – er muss machen, dass er wegkommt …

Unser >Held< steckt in einer misslichen Lage – er möchte leben, seinen Dingen nachgehen, das Leben genießen  – doch er kann es nicht! Überall stößt er auf die Grenzen seiner traumatisierten Seele. Doch jetzt ist er auf Sizilien, an einem fremden Ort, mit fremden Menschen, die ihm alle anders begegnen als er es gewohnt ist. Das ist seine Chance sein Leben selber in die Hand zu nehmen und zu leben. Seine Brüder sind meilenweit entfernt, und er beginnt zu atmen. Er durchforscht bei seiner Arbeit als Ethnologe nicht nur die Insel, die Dolcis und ihre Bewohner, sondern auch sich selber. Verliebt sich in eine Frau, im Grunde eine aussichtslose Liebe, doch zwei verletzte Seelen finden sich und gehen langsam aufeinander zu.

Mir hat dieser etwas zu emotionale Roman sehr gut gefallen, weil ich nach und nach den Menschen gesehen habe und seinen Weg sehr gut nachvollziehen konnte. Wunderbare Geschichte.

Luchterhand Verlag 2012

ISBN: 978-3-630-87302-2

„Zwischenspiel“ von Monika Maron

Ein ganz dichtes Buch!

Denn Monika Maron schafft es auf 190 Seiten ein ganzes Leben und mehr zu packen. Nicht nur dass der Leser die komplette Biografie von Ruth erhält , nein, auch die von Olga und Bruno und darüber hinaus noch mehr  … Es geht auch um existenzielle Fragen, die zumeist Bruno aufstellt, der Philosoph der Geschichte und Olga beschenkt uns mit Alltagsweisheiten – obwohl doch beide schon längst tot sind – hm …

>>Manchmal, […], gibt es das Richtige einfach nicht, und man hat nur die Wahl zwischen dem einen und dem anderen Falschen, und dann weiß der Mensch sich nicht zu helfen.<<

Eigentlich ist Ruth im Begriff zu Olgas Beerdigung zu fahren, doch irgendwie ist es ihr an diesem Tag recht komisch, sie hat Wahrnehmungsstörungen und ihre Sehkraft ist seltsam verschwommen. Sie schaffst es aber dennoch ins Auto und ihren Navi zu programmieren, aber den Weg zum Friedhof findet sie aufgrund einer Baustelle und den dadurch aufkommenden wirren Befehlen von Stefan (Stimme des Navis) nicht. Stattdessen landet sie in einem Park – hm …

>>Ich habe meine Kinder zu sehr geliebt, als dass ich es übers Herz gebracht hätte, sie zu zeugen.<<

Dort begegnen ihr, und sie ist darüber nicht verwundert, Tote. Sie sitzt mit Olga plaudernd auf einer Bank – es erscheint ihr ein Hund, den sie Nicki tauft und dem sie Bratwürste füttert – auch Bruno steht plötzlich mit einer Phantombierflasche vor ihr – hm …

>>Einen Mord zu planen, um ihn dann nicht auszuführen, zeugt von höherer Moral, als aus Angst oder Schwäche gar nicht erst an einen Mord zu denken.<<

Hat man im Leben immer die richtigen Entscheidungen getroffen? Wie wäre es, wenn es anders gekommen wäre? Wohin führt das Leben? Gibt es einen Gott? Fragen über Fragen machen diesen Roman so reich, der zudem mit einer wunderbaren Handlung ausgeschmückt ist – klasse! Und wieder einen kleinen Schatz gefunden!

Monika Maron (* 3. Juni 1941 in Berlin) ist eine deutsche Schriftstellerin, die von 1951 bis 1988 in der DDR lebte. Ihr Debütroman Flugasche konnte dort nicht erscheinen und wurde stattdessen 1981 im westdeutschen Verlag S. Fischer veröffentlicht. Der Roman gilt als erste weithin bekannt gewordene literarische Auseinandersetzung mit der Umweltverschmutzung in der DDR. Seitdem hat Maron mehr als zehn Romane sowie andere Werke mit Essays und Erzählungen verfasst, von denen besonders der Roman  Animal triste von 1996 auf ein großes Echo stieß. Monika Maron erhielt eine Reihe von Auszeichnungen, darunter den Kleist-Preis. (wikipedia)

S. Fischer Verlag 2013 ISBN: 978-3-10-048821-3

„Die Moselreise“ von Hanns-Josef Ortheil

Ein wunderbares Reisetagebuch des kleinen Hanns-Josef Ortheil.

Mit 12 hat der Autor gemeinsam mit seinem Vater eine Moselreise unternommen. Der Grund der Reise war, dass der Sohn sehr zurückgezogen mit seiner Mutter in der Wohnung/Köln lebte, und Ängste entwickelte – vor der Außenwelt und der Fremde. Nur in den heimischen Räumen konnte er unbeschwert sein. Es sei auch noch vermerkt, dass Ortheils Mutter nicht mitkam, weil sie ein schwaches Herz hatte, und nicht wandern durfte. Dadurch konnte sich der Sohn ganz alleine seinem Vater öffnen, und dann auch mit um mit seine Stärke aufnehmen. Auf jedem Fall ziehen Vater und Sohn am 24. Juli 1963 los, und werden nun 10 Tage unterwegs sein.

Was man direkt herausliest, ist, dass sein Vater einfach der Größte ist. Er himmelt ihn sichtbar (vor dem inneren Auge) an. Und nach der Lektüre wünscht man sich dabei gewesen zu sein. Hanns-Josef Ortheil beschreibt sehr eindringlich die einzelnen Tage der Wandereise, die Orte, die Sehenswürdigkeiten und ergänzt diese Beschreibungen mit kleinen Notaten zu Begrifflichkeiten, Gedankengänge und er versucht sich auch in die Gedanken seiner Eltern zu dringen. Ein wunderbares Tagebuch!

Eine Klitzekleinigkeit hat mich dennoch gestört. Mir wurde es ab der Mitte etwas zu religiös. Darüberhinaus wurden auch manche Sehenswürdigkeiten zu ausführlich beschrieben. Aber insgesamt ist es >allerhand<, was der junge Autor mit 12 notiert und aufgeschrieben hat. >Donnerwetter!<

Persönlich habe ich beim Lesen sehr viele Parallelen beim Vater entdeckt, nicht nur in Bezug zu Menschen, Menschenansammlungen, Touristen, wandern, reisen und der Langsamkeit, nein auch die Zeichnungen und zwar schnelle Skizzen ohne Menschen, aber mit viel Landschaft, Gebäuden und kleinen Details, die einem ins Auge fallen.

>>dass das ununterbrochene Notieren mir den Kontakt zu mir selbst und zu den vertrauten Räumen erhielt, ja dass das Notieren mir eine Art mobiles Zuhause bescherte, in dem ich mich gerade dann aufhalten konnte, wenn die Eindrücke der Fremde unübersichtlicher wurden und mich zu irritieren begannen.<<

Beeindruckend fand ich einfach diese Gedanken, warum und weshalb es zu Reise kam und zwar in den 60er Jahren, als sich im Allgemeinen Eltern nicht solch große Gedanken um ihre Kinder machten. Der Vater hat immer dafür gesorgt, dass Hanns-Josef Ruhephasen hatte und alle Eindrücke niederschreiben konnte.

>>Das Notieren und Schreiben diente der Bewahrung und führte mit der Zeit dann auch wahrhaftig zu einer Entkrampfung: Die unterschwellig stets vorhandene Angst gegenüber dem Fremden ließ nach und verwandelte sich in ein vorsichtiges Zutrauen, das mir allmählich sogar erlaubte, nicht nur mit fremden Räumen, sondern auch mit fremden Menschen Kontakt aufzunehmen.<<

Auch hier entdecke ich Parallelen und kann somit die Situation und den Grund der Reise, wie auch die Zweite sehr gut nachvollziehen.

Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er lebt als Schriftsteller in Stuttgart, Wissen an der Sieg und Rom und lehrt als Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den  bedeutendsten deutschen Autoren der Gegenwart, sein Werk ist mit vielen preisen ausgezeichnet worden …

Luchterhand-Literaturverlag München 2010, aus dem Random-House

e ISBN:  978-3-641-05029-0

„Alle Farben des Schnees/ Senter Tagebuch“ von Angelika Overrath

Herr Klug: Ui, was war das denn jetzt?

Herr Aktion: Ich weiß es nicht, nur so viel, dass das Buch so aufregend war wie ein regnerischer Tag vor der Glotze.

Herr Schöngeist: Ganz so schlecht war es nicht. Die Landschaftsbeschreibungen, die >Farben des Schnees<, die Gedankengänge der Autorin und einige philosophischen Fragen waren großartig.

Herr Aktion: Ja dabei entstand dann manchmal ein Sog, aber insgesamt waren das die großen Ausnahmen. Beschreibungen von irgendwelchen Personen, die zu Besuch kamen oder Leute aus dem Dorf, und immer mehr und mehr – aber alle völlig offen und leer. Dann kamen die ganzen Reisen, Lesereisen, Bildungsreisen und andere Reisen … das was den Leser wirklich ausfüllte kam zu kurz, viel zu kurz!

Herr Klug: Auch die ganzen Ausflüge ins Romanische fand ich nicht besonders unterhaltsam.

Herr Schöngeist: Das alles haben wir doch dann ab der Mitte übersprungen.

Herr Aktion: Ging ja auch gar nicht anders! Das ist einfach ein Beispiel dafür, dass es kein Tagebuch für die Öffentlichkeit war, geschweige ist – dagegen lesen sich die Tagebücher von Thomas Mann wie Krimis.

Herr Schöngeist: Aber doch nur, weil wir diesen Autor ein wenig kennen und schätzen, Frau Overath ist uns völlig fremd.

Herr Aktion: Bleibt uns auch fremd – das ist der Unterschied.

Herr Klug: Schauen wir mal wie es Herr Ortheil mit seiner „Moselreise“ macht  …

Angelika Overath wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Sie arbeitet als Reporterin, Literaturkritikerin und Dozentin und hat die Romane „Nahe Tage“ und „Flughafenfische“ geschrieben. Der Roman „Flughafenfische“ wurde u.a. für den Deutschen und Schweizer Buchpreis nominiert. Für ihre literarischen Reportagen wurde sie mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Sie lebt in Sent, Graubünden.

Luchterhand Literaturverlag 2010 München aus dem Random-House

eISBN: 978-3-641-05118-1

„Nacht ist der Tag“ von Peter Stamm

Der Klappentext verspricht: >>Mit leisen Worten und eindringlichen Bildern erzählt Peter Stamms neuer Roman von einer Frau, der das ganze Leben genommen wird, die aber doch am Leben bleiben muss – eine Tragödie, die zu einem Neuanfang wird.<<

Und höchstwahrscheinlich hat diesmal der Autor so leise erzählt, dass man von der Eindringlichkeit nicht viel gemerkt hat. Die Tragödie wird gar nicht transportiert, eigentlich nur Lethargie, und diese dann auf allen Ebenen: Protagonistin, Handlung und Geschichte – leer.

Gillian führt mit ihrem Mann keine gute Ehe, als er dann ihre Aktfotos findet, kommt es auf der Silvesterparty zum Streit, und später zum Unfall, wobei Michael stirbt und Gillian schwer verletzt wird.

Der Roman beginnt dann in der Klinik, mit dem Erwachen und Realisieren was geschehen ist. Ihr fehlt das halbe Gesicht, und die Handlung beschränkt sich lange nur rein körperlich auf den Genesungsprozess. Danach wird eigentlich direkt die Perspektive gewechselt, Hubert schildert danach den Verlauf der Geschichte, der Aktfotograf. Erst ganz zum Schluss kommt wieder Gillians Sicht.

Dadurch entwickelt das Buch keinen Sog, die Figuren bleiben nur schemenhaft, ihre Gefühle werden nicht transportiert – außer der Leere. Aber ein Buch der Leere liest sich nicht gerade gehaltvoll. Peter Stamm auf Abwegen!

Peter Stamm, geboren 1963, studierte einige Semester Anglistik, Psychologie und Psychopathologie. Er lebt mit seiner Familie in Winterthur. Er arbeitete in verschiedenen Berufen, u.a. in Paris und New York. Seit 1990 arbeitet er als freier Autor und Journalist. Er schrieb mehr als ein Dutzend Hörspiele. Seit seinem Romandebüt ›Agnes‹ 1998 erschienen vier weitere Romane, vier Erzählsammlungen und ein Band mit Theaterstücken. Zuletzt 2009 der Roman ›Sieben Jahre‹ und 2011 die Erzählungen ›Seerücken‹.

„Im Dunkel der Schuld“ von Rita Hampp

Titel: Im Dunkel der Schuld
Autorin: Rita Hampp
Verlag: Diana
Erschienen: September 2013
Seitenzahl: 511
ISBN-10: 3453357507
ISBN-13: 978-3453357501
Preis: 9.99 EUR

verfasst von Voltaire:

„Im Dunkel der Schuld“ macht dem Genre „Psychothriller“ alle Ehre. Allerdings wird man sich als Leser resp. als Leserin darauf einstellen müssen, dass die Lektüre dieses Buches zu erheblichen Verspannungen der Rückenmuskulatur führen kann, auch tiefe Ringe unter den Augen und ein erhebliches Schlafdefizit gehen mit dem Lesen des Buches einher. Denn es ist eines dieser Bücher, die man nicht mehr aus der Hand legen – wenn man sie dann einmal zur Hand genommen hat.

Worum geht es nun in diesem Thriller?
Da ist Ebba, eigentlich Elisabetha, die Inhaberin einer renommierten Galerie in Baden-Baden. Sie und ihre Geschwister wurden in der Kindheit von dem sadistischen Vater tyranisiert. Erst als er bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, schienen sich für die Geschwister und auch für die Mutter die Dinge zu normalisieren. Aber haben sie das wirklich?

Doch dann wird die Familie von der Vergangenheit eingeholt. Georg, Ebbas Bruder stirbt, wenn man den offiziellen Angaben glauben darf, an einem Herzinfarkt. Aber war es wirklich nur ein Herzinfarkt oder steckt mehr dahinter? Ebbas Leben gerät aus den Fugen als sich Dinge in ihrem Umfeld ereignen, die sie an sich selbst zweifeln lassen. Gibt es sie wirklich, die Dämonen ihrer Kindheit? Sind diese Dämonen plötzlich zum Leben erweckt worden? Und wem kann sie eigentlich noch vertrauen?

Mehr sei an dieser Stelle vom Inhalt nicht verraten. Um mehr über die erzählte Geschichte zu erfahren, muss man seine Nase schon in dieses Buch stecken – und es sei an dieser Stelle versichert, dass es ein sehr lohnendes „Stecken“ ist.

Die Autorin schafft es, den Spannungsbogen über die gesamte Geschichte hin aufrechtzuerhalten, wobei sie sogar das Kunststück fertigbringt, diesen Spannungsbogen immer noch und immer noch ein wenig weiter auszudehnen. Sie hat es wahrlich drauf, die liebe Rita Hampp. Sie kann nicht nur erzählen, nein, sie kann auch sehr spannend erzählen. Und so kann ich mir nur sehr schwerlich vorstellen, dass jemand bei diesem Buch vor seinem Ende von der Fahne geht. Die erzählte Geschichte ist in sich stimmig und enthält nach meinem Dafürhalten keine Logikfehler. Es macht einfach Freude sich für einige Stunden diesem Thriller hinzugeben – denn was Rita Hampp hier aufgeschrieben hat, ist beste Thrillerunterhaltung. Hervorzuheben ist auch, wie die Autorin es schafft, mit Worten Stimmungen und eine ganz besondere Atmosphäre zu beschreiben. Das ist wirklich sehr bemerkenswert.

Ihr Schreibstil ist – aber das weiß man auch schon von ihren anderen Büchern – rund und fließend. Und auch dieses Buch liest sich insofern sehr angenehm und man muss sich als Leser nicht über irgendwelche Holpereien und Stolpereien in Bezug auf die deutsche Sprache ärgern.

Die handelnden Personen wirken authentisch. Die Darstellung ihrer psychischen Probleme ist sehr anschaulich gelungen und man kann sicher sein, dass die Autorin hier sehr intensiv recherchiert hat. Die Abgründe menschlichen Handelns werden ohne Schönfärberei beschrieben. Auch wenn die erzählte Geschichte eine Fiktion ist, so wirkt sie doch realistisch. Und vielleicht sei an dieser Stelle der Rat erlaubt, sich bei den eigenen Verwandten einfach mal ein wenig genauer umzuschauen – denn man weiß ja nie……

Fazit: Dieser Psychothriller hat mich wirklich gut unterhalten. Es hat einfach Freude gemacht ihn zu lesen. Beste Thrillerunterhaltung, abgeliefert von einer Autorin, die ihr Handwerk wirklich ausgezeichnet beherrscht. Und es bleibt die Frage: Wann gibt es den nächsten Rita-Hampp-Thriller?

„Leichtmatrosen“ von Tom Liehr

Titel: Leichtmatrosen
Autor: Tom Liehr
Verlag: Rütten und Loening
Erschienen: April 2013
Seitenzahl: 351
ISBN-10: 3352008531
ISBN-13: 978-3352008535
Preis: 14.99 EUR

verfasst von Voltaire:

Was haben Patrick (der Ich-Erzähler), Henner, Mark und Simon gemein, außer ihrem wöchentlichen Badminton-Treffen. Wenig. Und doch gehen diese völlig unterschiedlichen Typen auf eine gemeinsame Bootsfahrt. Keine Ahnung vom Bootfahren. Aber trotzdem kann sie nichts aufhalten. Eine Schnelleinweisung muss reichen. Und sie reicht.

Patrick ist Lektor. Mit Cora ist er in einer Beziehung, einer Beziehung die langsam zur Gewohnheit geworden ist und Patrick meint Störsignale zu empfangen. Cora will ein Kind – er nicht. Und Patrick ist kurz davor die Gretchenfrage in dieser Beziehung zu stellen. Aber dann ist da auch noch Mark, der wohnt noch zuhause und hat bisher noch richtig versucht im Leben Fuß zu fassen. Und was ist mit Simon? Handwerker und durch und durch unzuverlässig und immer auf der Suche nach der nächsten schnellen Nummer. Jemand der Kette raucht und sich offensichtlich durchs Leben ficken will. Nicht zu vergessen Henner, der evangelische Pfarrer mit einem grundsätzlichen Glaubensproblem.

Diese vier ungleichen Typen finden sich dann an Bord der Dahme wieder, dass sie aber schnell in Tusse umgetauft haben. Und dann geht es los. Erst zu Dritt, Simon kann erst später dazu stoßen – immer auf der Flucht vor irgendwelchen Gläubigern. Und dann nimmt alles seinen Lauf. Schleusen, Nutten, Besäufnisse, eine attraktive Schleusenwärterin – nichts wird ausgelassen. Und aus einer lockeren Badminton-Bekanntschaft wird Freundschaft.

Wer mehr über den Inhalt des Buches wissen möchte – der soll es einfach lesen.

Auch mit diesem Buch zeigt Tom Liehr dass er ohne Frage zu den besten Unterhaltungsschriftstellern des deutschsprachigen Raumes gehört. Wobei die Vokabel „Unterhaltung“ noch um das Wort „anspruchsvoll“ ergänzt werden muss. Denn dieses Buch ist kein „lockerer“ Sommerroman den man beim Zuschlagen des Buches schon wieder vergessen hat. Nein, ganz im Gegenteil. Bei allem Humor und bei aller Lockerheit verfügt dieser Roman doch über eine emotionale Tiefe die beeindruckt. Sehr intensiv schildert der Autor die Glaubenszweifel Henners, und dringt dabei tief in den Charakter dieses zweifelnden Menschen ein. Es geht in erster Linie um die handelnden Personen, das Boot ist eigentlich nur Mittel zum Zweck. Menschen am Scheideweg, Menschen auf der Suche – nach sich selbst, nach irgendeinem Sinn – Menschen die unglaublich authentisch handeln und beschrieben werden. Als Leser staunt man über diesen empfindsamen, aber nie rührseligen Erzählstil. Tom Liehr hat die Gabe Ernsthaftigkeit, Humor und Lockerheit in einem Roman unterzubringen. Seine Formulierungen treffen, zielsicher setzt er Pointen.

Ein beeindruckendes Buch, zutiefst menschlich – dabei aber auch anspruchsvoll unterhaltend. Und nach 350 gelesenen Seiten verabschiedet man sich schon mit ein wenig Wehmut von diesem Buch, von seinen handelnden Personen und auch von der Atmosphäre, die diesem Buch ein ganz besonderes Flair gibt.