„Die Fackel im Ohr“ von Elias Canetti

   Weiter geht es mit der Autobiographie von Canetti!

Den „Rauswurf“ der Mutter, die ihn gegen seinen Willen aus der Schweiz und seinem „heimischen Leben“ (was er zum ersten Mal in dieser Form erlebt) wirft und nach Deutschland verbannt (er soll das wahre Leben kennen lernen), verkraftet er mit der Zeit ganz gut. Er wird eigenständiger ohne die große Obhut des Pensionats und so lehnt er sich nun des Öfteren gegen die Gebote der Mutter auf.

Wieder zurück in Wien lernt er seine spätere Frau „die Veza“ kennen und wird so ein großer Anhänger von Karl Kraus. Sein „Pseudo“ Chemie-Studium entbindet Elias vom großen Druck, den die Mutter ständig auf ihn ausübt, er macht sogar seinen Doktor in dieser Disziplin und kommt so von ihr los.

1928 und 29 fährt er zweimal nach Berlin und erfährt ein ganz anderes Leben: laut, bunt und schrill. Durch jene Begegnungen wachsen in seinem Kopf einzelne Figuren aus „Der Blendung“. Am Ende des Bandes lernt er noch eine wichtige Bezugsperson für ihn kennen, den behinderten Thomas Marek, der sein Leben in neue Bahnen bringt.

Auch dieser Band liest wie ein Roman, leicht und fließend, allerdings sind auch hier zu viele Personen erwähnt, insbesondere in Berlin. Der persönliche Kreis Mutter, Brüder und Veza kommen mir dabei zu kurz – die Autobiographie wirkt dadurch teilweise oberflächlich.

Hanser Verlag 1980

ISBN: 3-446-13138-8

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„Die gerettete Zunge“ von Elias Canetti

Eine Autobiographie

Direkt auf der ersten Seite erfährt der Leser, warum das Buch >Die gerettete Zunge< heißt:

>>Er tritt ganz nahe an mich heran, bleibt stehen und sagt zu mir: „Zeig die Zunge!“ Ich strecke die Zunge heraus, er greift in seine Tasche, zieht ein Taschenmesser hervor, öffnet es und führt die Klinge ganz nahe an meine Zunge heran. Er sagt: „Jetzt schneiden wir ihm die Zunge ab.“ Ich wage es nicht, die Zunge zurückzuziehen, er kommt immer näher, gleich wird er sie mit der Klinge berühren. Im letzten Augenblick zieht er das Messer zurück, sagt: „Heute nicht, morgen.“ Er klappt das Messer wieder zu und steckt es in seine Tasche.<<

In diesem Stil erzählt uns Canetti sein Leben, von den frühen Jahren in Bulgarien, wohin es viele Spaniolen, die vor den Christen geflohen sind, verschlagen hat, ein multikulturelles Bulgarien mit vielen bunten Eindrücken und Sprachen. Bis schließlich sein Vater wiederum vor seinem Vater flüchtet und die Familie nach England auswandert. Dort stirbt dann der heißgeliebte Vater von Elias, sehr jung und überraschend, und hinterlässt eine große Leere. Die gemeinsamen Stunden der Muse, in denen sie Bücher miteinander besprechen, reißen eine unausgefüllte Lücke in sein Leben. Erst später in Wien ersetzt seine Mutter diesen Part, denn erst in Wien beginnt auch sie ihre Trauer abzulegen und wieder ein wenig zu leben. Aber wie sie ihrem Sohn dann die deutsche Sprache beibringt, zeigt dem Leser eine absolute Gefühlskälte. Er beginnt eine verhängnisvolle und ungesunde Mutter-Sohn-Beziehung …

>>Was Weite ist, wusste ich damals noch nicht, aber ich empfand sie: daß man Sovieles und Gegensätzliches in sich fassen kann, daß man alles scheinbar Unvereinbare zugleich seine Gültigkeit hat, daß man es nennen und bedenken soll, die wahre Glorie der menschlichen Natur, das war das Eigentliche, was ich von ihr lernte.<<

Eine Biographie, die sich wie ein Roman liest, ist mir persönlich die liebste. Seltsamerweise behalte ich so den Inhalt, das Leben der Person, viel besser im Gedächtnis, als eine sehr sachliche und mit vielen Zitaten geschmückte Biographie.  Ein kleiner Kritikpunkt möchte ich anfügen, dass mir im letzten Drittel zu viel Personal umrissen wurde. Sämtliche Lehrer und Mitschülerinnen aus dem Mädchen-Pensionat, in dem Elias die letzte zwei Jahre verbrachte, wurden vorgestellt. Ansonsten ist es eine sehr gefühlvolle und satte Lebensgeschichte, die sich über 3 Bände erstreckt. „Die Fackel im Ohr“ und „Das Augenspiel“ werden noch folgen.

Carl Hanser Verlag 1982

ISBN: 3-446-12335-0

Die neue Biographie …

… liest sich gleich viel angenehmer! Hier finde ich jetzt die Einteilung exzellent, ganz unten, unter dem Trennstrich, stehen viele Informationen zur Zeit, Personen, Land u.a. – und es sind sehr viele Bilder enthalten. Natürlich sind auch hier Auszüge aus Frisch´s Tagebücher und Journalen vorhanden, aber der Text liest sich wie Prosa, und nicht als Stückwerk aus … . Die Biographie ist kurz und knackig, aber längere gibt es nicht über Frisch. Gute Wahl!

Mal eine Frage?

Wie viel Fremdes darf eigentlich in einer Biographie stehen, also aus Tagebüchern, Journalen, Briefen und Romanen u.a.. Gibt es da nicht auch eine Grenze, dass man jene Biographie nicht mehr unter irgendeinen Autoren-Namen führen darf, weil es eigentlich ein Stückwerk vom Urheber ist?

Ich habe in der letzten Zeit oft Pech mit Biographien, weil sie nur eine Aneinanderreihung von irgendwelchen Auszügen sind, und wenn man dann Parallel diese Ursprungswerke liest, wird man einfach verärgert. Ab wann ist eine Biographie ein bloßes Plagiat?

„Der Sprengprofessor. Lebensgeschichten“ von Victor Zaslavsky

Titel: Der Sprengprofessor. Lebensgeschichten
Autor: Victor Zaslavsky
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach Berlin
Erschienen: März 2013
Seitenzahl: 144
ISBN-10: 3803112923
ISBN-13: 978-3803112927
Preis: 15.90 EUR

verfasst von Voltaire:

Victor Zaslavsky wurde 1937 in Leningrad geboren. Er arbeitete zehn Jahre als Ingenieur und unterrichtete anschließend Soziologie an der Universität von Leningrad. Er starb 2009 in Rom.

In diesen Lebensgeschichten erzählt er aus seiner Kinder-, Jugend- und Studentenzeit. Es ist aber kein politisches Sachbuch – ganz und gar nicht. Der Autor schildert wie das „normale“ Leben während der Stalinzeit aussah. Es sind seine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse über die in diesem Buch berichtet werden.

Besonders hevorzuheben ist die Art des Erzählens. Zaslavsky erzählt ruhig, unaufgeregt, trotzdem aber mit einer großen Intensität. Und der Leser bekommt ein sehr anschauliches Bild über die „Normalität“ unter Stalin geliefert.

Der Autor verurteilt nicht, klagt nicht an – er berichtet, verschweigt aber auch nichts und überlässt die Wertung anderen. So sind auch die Leser gefordert, sich ihre eigenen Gedanken zu machen – sich vielleicht auch selbst zu fragen wie man sich denn selbst verhalten hätte. Aber Zaslavsky macht auch unmissverständlich deutlich, dass die vermeintliche Suche nach dem richtigen kommunistischen Weg unter Stalin nurmehr ein Lippenbekenntnis war – Kommunismus und Stalin: zwei Welten prallten aufeinander. Nicht der Kommunismus war grundlegend falsch – es waren die Menschen die diese politische Idee pervertierten.

Anhand seiner Lebensgeschichten, in denen seine Verwandten die Hauptpersonen sind, entsteht nach und nach ein klares und anschauliches Bild der Sowjetgesellschaft unter Stalin. Niemand wusste was morgen mit ihm sein würde, niemand war sich sicher, nicht auch verhaftet und verurteilt zu werden. Trotzdem mussten sich die Menschen Tag für Tag dem Leben stellen – allen Widrigkeiten zum Trotz.

Ein interessantes, ein teilweise auch bewegendes Buch. 7 Eulenpunkte für ein Buch, bei dessen Lektüre sich der Kritiker der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG bisweilen an die dämonischen Erzählungen Gogols und Puschkins erinnert fühlte und der dieses Buch dann im Hinblick auf die Entwicklung im heutigen Russland dringend empfahl.

„Charles Dickens“ von Jane Smiley

Titel: Charles Dickens
Autorin: Jane Smiley
Übersetzt aus dem Englischen von: Constanze Krings
Verlag: Claasen
Erschienen: 2003
Seitenzahl: 272
ISBN-10: 3546003349
ISBN-13: 978-3546003346
Preis: 12.00 EUR

verfasst von Voltaire:

Jane Smiley wurde 1949 in Los Angeles geboren und wurde vor allen Dingen durch ihren Roman „Tausend Morgen“ international bekannt.

Mit dieser lesenswerten Biographie über Charles Dickens will sie dessen Leben nicht in erster Linie nur chronologisch erzählen, sie will auch versuchen ihn so zu zeigen wie er von seinen Zeitgenossen wahrgenommen wurde. Zudem war es auch ihr Anliegen, seine Werke innerhalb dieser Biographie zu rezensieren.

Diese Biographie ist sehr kurzweilig geschrieben und bringt dem Leser Charles Dickens doch sehr nahe. Jane Smiley schafft es deutlich zu machen, wie Dickens seine eigenen Lebenserfahrungen sind seine Romane hat einfließen hat lassen. Und sie schafft es auch die Zerrissenheit von Dickens eindrucksvoll zu schildern. Seine Moralvorstellungen die er in seinen Romanen vortrug waren oftmals mehr oder weniger verlogen, lebte er doch im realen Leben in vielen Situationen ganz anders. Es war auch ein Leben zwischen Sein und Schein.

Das alles wird dem Leser ohne „akademischen Zeigefinger“ nahegebracht. Es ist eine Biographie die auch wieder Lust macht, mal wieder einen Roman von Charles Dickens zur Hand zu nehmen. Egal wie der Mensch Dickens auch in der Realität war – wer ohne Schuld ist der werfe den ersten Stein – seine Romane haben ihn glücklicherweise überdauert.

Dickens ein Mann, der sich selbst als das Maß aller Dinge sah, der sehr schnell verstimmt war und der sich auch mit vielen Weggefährten und Freunden überwarf. Auch das Scheitern seiner Ehe sah er ausschließlich bei seiner Ehefrau, bei sich selbst suchte er nie nach Schuld oder Versagen.

Leider fehlen ein tabellarisches Register und ein Namensverzeichnis.

„Ernst Happel. Genie und Grantler“ von Klaus Dermutz

Titel: Ernst Happel. Genie und Grantler
Autor: Klaus Dermutz
Verlag. Die Werkstatt
Erschienen: November 2012
Seitenzahl: 319
ISBN-10: 3895339342
ISBN-13: 978-3895339349
Preis: 19.90 EUR

verfasst von Voltaire:

Das ehemalige Praterstadion in Wien wurde nach ihm benannt. Nach Ernst Happel. Ernst Happel wurde am 29. November 1925 in Wien geboren und verstarb am 14. November 1992 in Innsbruck. Selbst ein erfolgreicher Spieler, wurde er dann als Trainer schon zu Lebzeiten zu einer echten Legende. Seine grössten Erfolge feierte er in den Niederlanden, in Belgien und in Deutschland und natürlich auch in Österreich.

Ernst Happel wird auch heute noch in Hamburg verehrt. Mit ihm feierte der HSV seine grössten Erfolge. Zweimal Deutscher Meister, Sieger des Europapokals der Landesmeister und Deutscher Pokalsieger.

Ernst Happel ist auch heute noch für viele Trainer Vorbild. Schließlich war er der Begründer des Pressing und des Forecheckings – und auch die Abseitsfalle brachte er mit nach Deutschland.

In dieser großartig geschriebenen Biographie geht es nicht nur um den Spieler und Trainer Ernst Happel – es geht auch um den Menschen Ernst Happel. Ein sensibler und gefühlvoller Mensch, nur nach außen hin „grantelnd“. Happel war ein Mensch der wenig redete, der aber mit seinen wenigen Bemerkungen immer genau den Punkt traf. Die Spieler respektierten ihn und stellten seine Anweisungen nie in Zweifel.

Diese Biographie über Ernst Happel wird diesem wirklich gerecht. Man spürt den Respekt und die Zuneigung des Autors vor diesem Menschen. Einfühlsam geschrieben und merkt man mit jeder Zeile, das Ernst Happel Fussball geatmet und gelebt hat. Ernst Happel, der immer bedauert hat, das die Zahl der Straßenfussballer stetig abnahm und der die Ansicht vertrat, dass gerade der Straßenfussball die echten Ausnahmespieler lieferte.

Dieses Buch ist aber mehr als eine reine Biographie. Es ist auch eine Reise des Erinnerns. Eine Reise in die Geschichte des europäischen und des Weltfussballs. Man begegnet der österreichischen Wundermannschaft zu Beginn der Fünfziger des vorigen Jahrhunderts, man erfährt eine Menge über die Mentalität der niederländischen Spieler und es gibt auch sehr kritische Bemerkungen über die WM 1978 in Argentinien, das damals von einer Militärjunta diktatorisch regiert wurde. Es ist ein Streifzug durch die Fussballgeschichte – mit Ernst Happel als Mittel- und Orientierungspunkt.

Hervorzuheben sind die beiden Gespräche mit Happel – eines im Jahre 1986 und das andere im Jahre 1991 und auch Franz Beckenbauer und Felix Magath äußern sich offen über Ernst Happel.

Zuletzt war Ernst Happel total abgemagert und von seinem Krebsleiden gezeichnet. Trotzdem saß er noch am 28. Oktober 1992 (am 14. November um 17.17 Uhr starb er dann) auf der Trainerbank der österreichischen Nationalmannschaft im Spiel gegen Israel. Seit elf Monaten war Happel Teamchef Österreichs. Und als die österreichische Mannschaft vier Tage nach seinem Tod gegen Deutschland antrat, da lag Happels Kappe und eine Rose auf seinem Platz. Die Stimmung während dieses Spiels war eine ganz besondere. Allen war klar, dass ein Genie des Fussballs gegangen war – der aber im Geiste im Stadion war.

Der Autor dieses Buches, Klaus Dermutz, wurde 1960 in Österreich geboren, studierte Theologie und Philosophie.

Fazit: Dieses Buch ist unbedingt lesenswert, gerade auch für die praktizierenden Nostalgiker unter den Fussballfans, transportiert es doch die Stimmungen vergangener Jahre fast perfekt. Und es ist eine wahre Hommage an Ernst Happel, ohne dabei jedoch zu übertreiben.

Buck, Rainer – Fjodor M. Dostojewski

„Sträfling, Spieler, Seelenforscher“

30. Oktober 1821 bis 28. Januar 1881

Sein Abgang aus dieser Welt würde im Grunde eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens sein. Es gibt keinen.

Gedanken zur Scheinexekution, die Dostojewski miterlebt hat und die in 10 Jahre Straflager umgewandelt wurden.

Was er durchlebte und durchlitt, verarbeitete er zu Geschichten, in denen er die hintersten Winkel der menschlichen Existenz und die Abgründe der Seele durchleuchtete.

Wo andere Autoren gerne zu satirischen Mitteln greifen und Menschentypen karikieren sind bei Dostojewski selbst lächerliche Figuren ernst zu nehmen. Er stellt Individuen über Ideen und zeigt menschliche Widersprüchlichkeit und Tragik auf. Wird das Böse im Menschen entlarvt, geschieht es, um das Bewusstsein dafür zu schärfen, was die menschliche Würde ausmacht.

Berger, John – Bentos Skizzenbuch

Es ist ja überhaupt nicht das, was es verspricht und dennoch …

>>John Berger macht daraus (aus Bentos Skizzenbuch) ein Buch der Bilder und der Worte, der Gedanken und der Zeichnungen, ein Buch, das die ganze Vielfalt seines Schaffens in sich vereint.<< Klappentext

Ja, darauf freut man sich. Man hat dem gleichen Text auch entnommen, dass Bentos Skizzenbücher verschwunden sind, man bis heute keins davon wieder gefunden hat, und man als Leser nicht davon ausgehen kann, dass man nun Bilder des Meisters vorfindet. Aber man hofft auf neue interessante Gedanken zu Spinoza, rund um sein Leben und so, denn John Berger, das sagt der Text wieder, war lange auf seiner Fährte und man denkt, er berichtet davon …

Aber nein, er sagt mir nichts Neues über Bento, lediglich ein paar Auszüge aus Spinozas Ethik zitiert der Autor, und man ist enttäuscht! Also wer nach den Philosophen sucht, dem wird das Buch nicht gefallen.

Bentos Skizzenbuch1

Wer aber diesen Pfad verlässt und sich auf neue Wege einlässt, dem bringt dieses Buch einen Fremden näher. Also mir zumindest, ich hatte noch nie etwas von John Berger gehört. Jetzt kenne ich seine Art des Zeichnens und ein wenig seine Denkweise. Ich habe eine Welt betreten, die mir ganz weite Gedanken vorweist, ein paar oberflächliche Begebenheiten und am tiefsten hat mich die Pinselgeschichte beeindruckt.

>>Ich wollte über unseren Blick auf die Welt schreiben; es geht darum, die Menschen zu überzeugen, dass sie genau hinschauen und sehen, was uns umgibt, das Schöne wie das Schreckliche.<< (der Autor)

Darüber hat er geschrieben! Ein ganz wunderbares Buch. Mich hat es neugierig auf weitere Skizzenbücher gemacht. Selber schaue ich gerne in meine eigenen hinein, weil es meine Welt so wunderbar festhält, besser als tausend Worte. Als nächstes werde ich das Skizzenbuch von Grass betrachten.

John Berger, 1926 in London geboren, war nach dem Kunststudium zunächst Zeichenlehrer und Maler mit mehreren erfolgreichen Ausstellungen. Heute lebt er in einem Bergdorf in der Haute Savoie.

Carl Hanser Verlag 2013, OT: Bento´s Sketchbook, Übersetzung: Hans Jürgen Balmes, Hardcover 19,90 €, 175 Seiten, ISBN: 978-3-446-23971-5

„Mittendrin. Tagebücher 1966-1972“ von Hans Werner Richter

Titel: Mittendrin. Die Tagebücher 1966-1972
Autor: Hans Werner Richter
Verlag: C. H. Beck
Erschienen: September 2012
Seitenzahl: 382
ISBN-10: 3406638422
ISBN-13: 978-3406638428
Preis: 24.95 EUR

verfasst von Voltaire:

Hans Werner Richter (1908-1993) wurde bekannt als Gründer und Organisator der „Gruppe 47“ – einer Gruppe, die das literarische Leben im Nachkriegsdeutschland entscheidend beeinflusst hat. Richter als Autor eher wohl nur „durchschnittlich“, hat mit dieser Gruppe 47 Literaten wie Günter Grass, Heinrich Böll, Uwe Johnson, Ingeborg Bachmann und vielen anderen mehr zum Durchbruch verholfen. Die Gruppe bestand von 1947 bis 1967, sie hatte keine feste Mitgliederzahl und auch keine Organisationsform. Die Mitglieder/Teilnehmer rekrutierten sich aus der Einladungspraxis Richters. Er ausschließlich lud ein und konnte so auch die Zusammensetzung der Gruppe immer wieder neu steuern. Die Gruppe 47 war keine in sich homogene Gruppe, sie war eher ein loser Zusammenschluss literarisch tätiger Menschen. Natürlich sind auch die Namen Reich-Ranicki oder auch Raddatz mit dieser Gruppe 47 eng verbunden.

Hans Werner Richter selbst hat die Gruppe 47 so beschrieben: „Was ist die Gruppe 47? Nun, nichts weiter als ein immer wiederholtes Werkstattgespräch unter Schriftstellern, ein Werkstattgespräch, in dem aus noch unveröffentlichten Arbeiten gelesen und diese nach der Lesung von allen Anwesenden kritisiert werden.“

Anfangs war diese Gruppe eine „Startsignal“ für einen Neubeginn der deutschen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg. Später dann nahm ihr Einfluss zu und sie wurde zu einer – wenn auch nicht unumstrittenen – Institution in der deutschen Literatur.

Jedes Jahr verlieh die Gruppe den „Preis der Gruppe 47“.

In seinen Tagebüchern schildert Richter die Jahre 1966 bis 1972. Der Vorsitzende der Hans Werner Richter-Stiftung Bansin Hans Dieter Zimmermann beschreibt die Intention dieses Tagebuches so: „Es ist kein intimes, es ist ein literarisch-politisches Tagebuch, das Richter wohl für eine spätere Veröffentlichung vorgesehen hat.“.

Richter beschreibt in seinen Tagebüchern nicht nur den „literarischen Geist“ der damaligen Zeit, er beschreibt auch die politischen Stimmungen die man in jener Zeit beobachten konnte.

Man könnte diese Tagebücher unter das Motto stellen:
„Als Walser noch links war und Grass nicht nur dummes Zeug geredet hat!“

Richter geht mit seinen Schriftstellerkollegen teilweise sehr hart ins Gericht und das jetzt nicht nur auf deren literarischen Arbeiten bezogen. Genaugenommen hat er eigentlich an fast jeder Kollegin und fast jedem Kollegen etwas auszusetzen. Man könnte fast denken da sei jemand neidisch auf den Erfolg anderer. Und dabei – vielleicht auch ungewollt – charakterisiert Richter in bemerkenswerter Weise diese Kaste der Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Ohne jetzt verallgemeinern zu wollen – und merkt es auch in heutiger Zeit – kreisen diese schreibenden Menschen ausschließlich um sich selbst. Interessiert nur an sich selbst und dabei eben auch keinen Gedanken an den Mitmenschen verschwendend, bewegen sie sich in ihrem kleinen Kosmos, der ihnen aber so vorkommt, als sei es das Universum schlechthin. Sie sehen sich als der Mittelpunkt, als den Nabel der Welt und des gesamten übrigen Seins.

Und dabei sind gerade unter den Schriftstellerinnen und Schriftstellern unglaublich „arme Würstchen“ unterwegs. Sie scheinen von sich zu glauben, sie könnten politisch etwas ändern, schaffen es aber nicht, sich in endlosen Diskussionen (Palaver wäre hier der bessere Ausdruck) auf eine gemeinsame Erklärung zu einigen – und wenn sie sich dann auf ein oder zwei Sätze geeinigt haben, ist die politische Situation – über die sie ausufernd geredet haben – bereits in hohem Tempo an ihnen vorbei gebraust. Diese zum Teil unglaubliche Selbstüberschätzung kommt in diesen Tagebüchern wirklich gut zum Ausdruck.

Diese Tagebücher lesen sich unglaublich spannend. Sie bieten einen herrlichen Einblick in eine literarische Welt, die eher klein- und spießbürgerlich als fortschrittlich ist. Die Literaten reden wo andere bereits handeln. Vielfach reden sie an der Wirklichkeit vorbei und man fragt sich als Leser dieser Tagebücher, wie haben es diese Klein- und Spießbürger nur schaffen können, teilweise wirkliche literarische Kunstwerke zu schaffen.

Der Leser bekommt einen Einblick in die literarische Welt der sechziger und siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Es wurde integriert, niedergemacht und angelächelt (allerdings mit dem geöffneten Klappmesser hinter dem Rücken). Es gab nur sehr selten die brutale Blutgrätsche von hinten in die Hacken des Gegners, nein, es wurden vielmehr meisterhaft Nadelstiche gesetzt (die sicher auch sehr schmerzhaft sein konnten), die Falschheit feierte wahre Triumphe. All das findet sich hier komprimiert in den Tagebüchern von Hans Werner Richter.

Die Gruppe 47 gibt es nicht mehr. Wiederbelegungsversuche verliefen insgesamt erfolglos. Das mag auch daran liegen, dass heutzutage kein Bedarf mehr nach einer „Gruppe 47“ besteht; die Zeiten haben sich eben geändert – eine Floskel zwar, in diesem Falle aber mehr als zutreffend.