Ganghofer, Ludwig – Waldrausch

Krümel liest gerade … Ganghofer „Waldrausch“!

Also wer sich Ganghofer als verkitschten Heiratroman-Autor vorstellt, der vertut sich! Was er wohl macht, und das kann ich nach 3 Kapitel schon sagen, er beschreibt die Natur, da wo sie noch schön und unbelastet ist, ja einfach nur schön, genauso wie die Kinder, zu einer Zeit in der sie noch im Herzen rein sind. Ich denke mal, das sind bei ihm, wie bei Stifter, die hohen Werte – was auch Verkörperung im „Waldrauscher“ findet – der weise alte Mann im Wald mit seinen klugen Liedern.
Ganz klar und deutlich wird er dann aber, wenn er die andere Seite beschreibt – die Armut, die fehlende Menschlichkeit, die Kluft zwischen arm und reich, das harte Leben. Dabei zeigt er ein hohes Maß an Einfühlvermögen und tiefe psychologische Einblicke in die menschliche Seele.

Was natürlich nicht leicht zu lesen ist, ist der Dialekt, der in den Dialogen vorkommt, und er lässt seine Figuren viel reden … Oder Waldrauschers-Lieder :mrgreen:

Es war ein Wald, wie in den Bergen alle Wälder sind, ein Gemenge von Zerstörung und kraftvoller Schönheit, von faulendem Tod und sprossendem Leben. Man spürt nicht die pflegende Hand …
Auf seinen leergewordenen Sessel ließen sich zwei üble Geschwister nieder, Schmerz und Lebenssorge.

Der Dieter Forte …

… eigentlich wollte ich ja Abstand von ihm halten, da mir sein erstes Werk, welches ich gelesen hatte, zu sehr abgekupfert schien. „Das Muster“, eine Erzählung im immer langsamer werdenden Zeitraffer, erinnerte mich stark an große Vorbilder …

„Die andere Seite der Welt“, das ist doch unser Hans, der nun ans Meer fährt und auch den zweiten Weltkrieg überlebt hat … Und tatsächlich auf den ersten Seiten kommt alles wieder zum Vorschein: der Tod, die lange Zugfahrt, die Zeit –> auf ewig im Stillstand … ja, da sind die großen Motive und Atmosphären des „Zauberbergs“.

Aber es wird zum eigenen Werk. Die Protagonisten bleiben namenslos, der Zeitraffer ist flott und der Zirkel dreht sich ununterbrochen …

Noch mehr Surrealismus im „… September“?

Viele „verdrehte Perspektiven“ sind im unteren Beitrag zu sehen und immer mehr surreale Elemente finde ich bei Bowen (1899 – 1973) „Der letzte September“ 1929, und es passt ja auch toll von dem Lebenszeitraum und erscheinen.
Noch ein Beispiel? >>Die Straße war steil und das Pferd entschlossen zu traben; es stolperte; sie zog scharf an den Zügeln. Sie hätte gerne vergessen, dass sie überhaupt fuhr.<< (Sie fährt in diesem Kapitel die ganze Zeit ein kleines Auto, aber zügelt es gut >>das Pferd kannte die Hecken und trabte hoffnungsfroh in der Deichsel.<<)
Hier ein paar Anliegen, was der Surrealismus erreichen will: Die wichtigsten sind: (1) die innere, subjektive Realität der Menschen darstellen; (2) die un- bzw. nicht-bewußte innere Realität der Menschen darstellen; (3a) das Reich der Phantasie und Möglichkeiten; (3b) Irrationales, Paradoxes, Unmögliches und Verborgenes; (4) eine höhere, der Scheinrealität „überlegene“, „wahre“ Realität darstellen. Daraus läßt sich dann auch die Erfordernis einer speziellen surrealistischen Produktionsmethode ableiten.

Elizabeth Bowen …

Diese Dame hat einen ganz eigenwilligen Stil, der sich stellenweise nicht einfach liest. Zwei Figuren sind beieinander und führen scheinbar ein Gespräch, aber jede für sich hängt nur seinen Gedanken nach, und dies dann wie im Dialog abwechselnd, da muss man als Leser aufpassen 😉

Ferner schreibt Bowen noch aus einer anderen Ebene herab, die wunderbar zu lesen ist, aber teilweise nicht direkt verständlich ist: >>Mrs. Montmorency und Laurence waren im Salon. Sie wirkten nervös, nichts deutete die Richtung des Gesprächs an. Der fahle Raum erhob sich zu einer Höhe, zu der sich nur Spiegel vorwagten: über die Ebene dessen hinaus, wo man sich aufhielt; der überdimensionale, leere Bereich ließ Menschen und Möbel darunter stets winzig erscheinen. Die hohe Decke lastete mit ihrem nackten weißen Rechteck auf demBewußtsein, unter ihr wartete ein kristallklares, aus einhundertfünfzig Jahren Koversation herausdestilliertes Schweigen. Stimmen, die in dieses Schweigen hinaufstiegen, wurden immer leiser und würdevoller. Nun stiegen allerdings keine Stimmen auf; Mrs. montmorency und Laurence hatten einander den Rücken zugewandt.<<

Klasse nicht? Kein Buch für zwischendurch, aber sehr lesenswert!

Elizabeth Bowen …

… ist auf meinem Wunschzettel gerutscht. Was ich über sie: „eine herbschöne, sperrige Frau lt. Isaiah Berlin … und sie selber nannte sich `farouche´, also scheu, ungesellig, ungezähmt, leidenschaftlich und grausam“ im Literaturblatt gelesen habe, hat mich höchst neugierig gemacht. Ihre Sprache soll ab und an ins Künstliche abrutschen, da für sie Sprachspiele eine große Fazination hatten. „Vergeblich nach Sinn im lauter werdenden Ticken der Uhr lauschend …“ Bowen wurde 1899 in Dublin geboren, schrieb über 20 zig Bücher, zehn davon wurden ins Deutsche übersetzt. „Der letzte September“ steht nun auf meinem Wunschzettel und wird bald gelesen. Die neue Übersetzung von Sigrid Ruschmeier soll Bowens Werk wieder aus dem Verlies des Vergessens ausgegraben haben und der Leserschaft neu zugänglich gemacht.

Marcel Möring …

… hat mich gedanklich erschlagen!
Man wird auf diese Welt hineinkatapultiert, ohne dass man gefragt wird, ob man dieses Leben überhaupt leben möchte!
Der Protagonist als Jude nach dem II. Weltkrieg, der seine ganze Familie verloren hat, dadurch seine Kultur, seine Heimat. Sozusagen als letzter Jude in Assen.
UND Marcel Möring stellt ganz vorsichtig einen Gedanken zur Frage, sehr gewagt, und auch bestimmt nicht alltäglich: Ob diese weiße Weste, die den Juden nach dem II. Weltkrieg angepasst wurde, ihnen überhaupt steht? Ob die Schuld der Christus-Kreuziger durch dieses Leid getilgt wird?

Der Canetti …

mensch, was für ein Buch 😀
Missverständnisse über Missverständnisse, die zu ganz skurrilen Situationen führen. Keine Figur kann die andere verstehen oder sich in diese hineinversetzen, deshalb reden auch alle aneinander vorbei, was natürlich wieder zu neuen Missverständnissen führt 😉
Ganz auffällig ist die Phrasendrescherei, insbesondere bei Therese erlebt man das. Die Dialoge zwischen Kien und Therese sind einfach köstlich. Im zweiten Teil kommt dann noch Fischerle hinzu, auch wieder eine andere Sprache, aber damit wird es dann auch ziemlich anstrengend …
ABER ein hochinteressanter Roman, ich bleibe gerne am Ball, allerdings wird er mich noch eine ganze Weile beschäftigen.

Fortsetzung „Zauberberg“

Der I. Weltkrieg ist vorbei, unser Hans hat ihn überlebt und kehrt zurück zu seinem „Zauberberg“, seine Lunge ist in den letzten Zügen, es hat sich wohl eine dritte feuchte Stelle gebildet. Er ist nicht mehr der Jüngling, und er ist auch nicht mehr Hin und Her gerissen, in ihm und auch auf seinen Zauberberg liegt jetzt der Verkündung der „ständigen Wiederkehr“.

Wir treffen Herrn Settembrini wieder, ein gebrochenes altes Männlein, er hat die Zeit in der Höhe ausgeharrt. Es bleibt ihm allerdings nicht mehr viel Zeit, er wird im ersten Drittel sterben. (Die Demokratie, doch nur eine Utopie?)

Clawdia hat die Schrecken des Krieges auch nicht überlebt, und kann deshalb nicht zurückkehren. Unser Held wartet also vergeblich darauf, dass jemand wieder Türen zuknallt. Die Zeit fließt, die Zeit dauert, die Zeit ist, die Zeit wiederholt sich nicht.

Ein Ehepaar wird den Zauberberg besuchen. Dieses ist ständig im Disput, zanken und streiten sich andauernd, und können aber auch nicht voneinander lassen. Er wird die Rassenideologie vertreten, und sie die Idee von Stalin verkörpern. Der Terror ist ihr gemeinsamer Nenner.

Im letzten Drittel des Romans wird Hans eine Vision haben, einen Kampf wie im „Schneetreiben“. Es wird wieder eine Walpurgisnacht sein, und aus der Ferne im Nebel tritt eine Gestalt auf ihn zu. „Gibst du mir meinen Bleistift wieder?“ Es ist Miroslav Hippe. Der Leser wird auch diesmal nicht wissen, was sie und ob sie irgendetwas getrieben haben, aber der Kampf mit dem Tod, die Sehnsucht nach dem Sterben wird ihm für immer in der Erinnerung bleiben.

Hans Castrop stirbt und mit seinen Todesglocken wird auch der nächste Krieg eingeläutet.

Und Thomas Mann war …

… als Vater doch nicht so eine Niete! (Teil 2)

Klaus Mann war ein Weltenbummler. Als junger Mann zog es ihn in ganz Europa umher. Er hatte hunderte von Freunden, tausend Gedanken und Träume wie seine Zukunft einmal aussehen würde. Er suchte ständig das Neue, den Kick, und hasste Wiederholungen. Und er war ja nicht das einzige Kind des “Zauberers”.
Natürlich war Thomas Mann selber gefangen in seine Gedanken, er schrieb ja fortwährend an seinen eigenen Werken. Und natürlich bekam er nicht alles mit was seine Kinder taten und machten, aber es als absolutes Desinteresse hinzustellen, das kann ich nun bei dieser Lektüre (“Der Wendepunkt” von Klaus Mann) nicht teilen.
Zumal es eine Zeit war, die ja erst kürzlich beendet worden ist, in der die Väter sich eben nicht groß um die Erziehung und Entwicklung der Kinder kümmerten.

Klaus Mann wurde früh selber Schriftsteller, er schrieb: Essays, Kommentare, Reiseberichte und Theaterstücke. Als er wieder einmal in München im elterlichen Haus anwesend war, brachte eine Zeitschrift eine vernichtende Kritik über ein Werk von Klaus. Bei Tisch wurde darüber nicht gesprochen, obwohl es DAS Stadtgespräch überall war. Man plauderte über das Wetter und sonstige Nichtigkeiten. (Weiß der Vater nichts davon?) Sehr wohl, aber er gab nur zum Ende der Mahlzeit von sich: “Jaja, die Welt ist voller bösartiger Dummheit. Man sollte sich dran gewöhnen. Jeden Morgen muss ich mindesten eine giftige Kröte herunterschlucken.”

Beim Abschied sagte Thomas Mann zu Klaus: “Viel Glück mein Sohn. Und komm Heim, wenn du elend bist.”

Nein, seine Kinder waren ihm nicht völlig gleichgültig. Er war nur äußerst tolerant und zuversichtlich, dass seine Kinder schon das Richtige machen, und ließ ihnen die größte Freiheit. Nur bei manchen Kindern ist diese Freiheit zu groß, zu weit, sie erschlägt sie. Und Klaus Mann war ein sehr labiler Mensch, er hätte wohl eine feste und strenge Hand gebraucht.

Und Thomas Mann war …

… als Vater doch nicht so eine Niete!

„Im Wendepunkt“ von Klaus Mann las ich nun, dass Thomas Mann sich auch ganz rührend um seine Sprösse sorgen konnte. Klaus und Golo träumten nachts von Gespenster, sie hatten schreckliche Angst, so dass Klaus es einmal nicht mehr aushielt und diese Ängste dem Kindermädchen mitteilte . Diese wiederum erzählte es direkt ihren Brötchengeber, und er stand dann zur Schlafenszeit bei den Buben im Kinderzimmer.

„Es soll hier Gespenster geben, ist mir berichtet worden, stimmt das?“ Und da der Vater nun einmal eingeweiht war, erzählte Klaus von der Pein. Darauf sagte Thomas Mann, dass man folgendermaßen vorgehen müsse. A. die Gespenster zu ignorieren, denn dies treffe sie am schlimmsten, da sie alle narzißtisch veranlagt seien. B. Wenn dies nicht ausreiche müsste man ihnen ganz konkret aufzeigen, dass es sich nicht schickt für ein Gespenst unschuldige Kinder zu ängstigen! C. Falls das immer noch nicht reichen sollte, sollten sie dem Gespenst sagen, wenn es nicht verschwindet, würde ihr Vater höchstpersönlich erscheinen, und mit ihm sei nicht gut Kirschenessen!!!

Von da an war Ruhe im Kinderzimmer! 😀

Übrigens: Seit dem hatte er den Namen „Zauberer“ weg, denn er konnte Gespenster verzaubern 😉