„Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque


Meine Motivation das Buch zu lesen, beruhte nicht auf Wissensdurst mehr über den 1. Weltkrieg zu erfahren, sondern mein Interesse wurde durch den Literaturclub geweckt, da jetzt „100 Jahre danach“ neue Fakten zur Rezeptionsgeschichte des Werkes zu Tage kamen. Darüber wurde im Club diskutiert und das machte mich neugierig.

Während der Lektüre fiel mein Augenmerk dann schon über zahlreiche Gedankengänge, die ich mir so, gekoppelt mit dieser sehr poetischen Sprache, nicht recht vorstellen konnte.

>>Sieh mal, wenn du einen Hund zum Kartoffelfressen abrichtest und du legst ihm dann nachher ein Stück Fleisch hin, so wird er trotzdem danach schnappen, weil das in seiner Natur liegt. Und wenn du einen Menschen ein Stück Macht gibst, dann geht es ihm ebenso; er schnappt danach.<<

>>Wir sind verlassen wie Kinder und erfahren wie alte Leute, wir sind roh und traurig und oberflächlich, – ich glaube, wir sind verloren.<<

Bei aller Liebe, solche philosophischen Gedanken während der Gräuel kann ich mir nicht vorstellen. (Da ich selber schon Panikattacken erlebt habe, kann ich mir solch weitreichende Gedanken im Schützengraben einfach nicht denken.) Und so ist es ja auch nicht gewesen, denn der Roman ist ja kein Zeitzeugnis (Augenzeugnis), sondern er wurde 10 Jahre nach dem Krieg geschrieben. 10 Jahre in denen man schon die Schrecken verarbeiten, drüber nachdenken und diskutieren konnte. Aber im Schützengraben sind solche Äußerungen wohl kaum gefallen:

>>Das Grauen läßt sich ertragen, solange man sich einfach duckt – aber es tötet, wenn man darüber nachdenkt.<<

>>Seine sonst sehr trockene Phantasie arbeitete sich Blasen.<<

Beim Lesen kamen mir solche Äußerungen immer unwahrscheinlicher vor. Im Anhang der neuen Ausgabe vom Roman findet man dann die ausführliche Entstehungsgeschichte. Es gibt wohl mehrere verschieden ausgelegte Versionen, die über die Jahre entstanden sind und wohl auch immer neu umgemodelt worden sind.

>>Vielmehr deuteten die durch das Typoskript dokumentierten Korekturen des Autors darauf hin, dass er und der Ullstein-Konzern den Text im Hinblick auf die Publikumserwartungen und die Zuordnung zum Genré der nicht fiktionalen Kriegserinnerungsliteratur konzipiert und verändert hatten in verblüffender Übereinstimmung mit den Werbemaßnahmen, zu denen gezielte Fehlinformationen zur Biographie Remarques zählten.<<

>>“Im Westen nichts Neues“ erschien nun als wohldurchdachter, bis ins kleinste Detail der Struktur und einzelne Formulierungen hinein konzipierter Text.<< (aus dem Anhang)

Alleine schon die Unmittelbarkeit wie das Buch verfasst ist – an einen fiktiven Adressaten, den Paul Bäumer direkt anspricht (eine Art Brief oder Berichtform) ist ein großer Kunstgriff. Denn so bekommt auch der letzte Leser weiche Knie bei der Lektüre und steckt mitten im Geschehen.

Persönlich mag ich dieses „Verkünsteln“ in keinster Weise, mir geht dadurch die Authentizität dahin. Ähnliches Empfinden hatte ich bei dem Roman „Austerlitz“ von Sebald, wobei ich die Kunst durchaus anerkenne, sie aber absolut nicht meinen Geschmack trifft.

Kindle Edition

Kiepenheuer & Witsch Verlag 2014

Taschenbuch ISBN: 3-462-04633-0

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s