„Die Blendung“ von Elias Canetti


Eine Satire über den „menschlichen Makel“.

Canetti verwendet in seinem Roman ausschließlich Figuren, die sehr stark ausgewählt sind, Besonderheiten darstellen, und jede für sich ein Unikat ergibt.
Dadurch wird eines direkt klar, dass das Werk von der Übertreibung lebt, und es in dieser leichten und humorvollen Art die menschlichen Macken spiegelt.

Peter Kien ist der „Größte lebende Sinologe“ und besitzt eine sagenhafte Bibliothek von 25.000 Bänden. Sein Arbeitstag ist straff durchorganisiert. Jede Universität würde ihn liebend gerne als Dozent gewinnen und von seinem Wissen profitieren, aber Kien schlägt jedes Angebot ab, da er sich nur seiner wissenschaftlichen Tätigkeit widmen möchte. Diese Arbeiten sind ein Vermögen wert und lagern unbeachtet in der Schreibtischschublade.
Den Haushalt besorgt ihm Therese, seine Wirtschafterin, die schon 8 Jahre seine Bücher pflegt und Kiens Essen zubereitet.

Die Handlung beginnt nun damit, dass Kien einen Wissensdurst an Therese vermutet, ihr ein Buch aus seiner unglaublichen Bibliothek ausleiht, und sie es mit weißen Handschuhen liest. Daraus entsteht bei Kien ein folgeschweres Bild von seiner Wirtschafterin, so dass er den Wunsch verspürt sie zu ehelichen, damit seine Bände immer so sorgfältig von ihr gepflegt werden. Die Heirat vollzieht sich auch rasch und ohne große Komplikationen.

Therese ist eine weitere außergewöhnliche Figur im Roman. Sie geilt an unbändiger Sexlust. Eigentlich ist sie schon über 50 zig, hässlich und sehr ungebildet, doch ihr eigenes Bild von sich ist das genaue Gegenteil: 30 zig mit wiegenden Hüften, kokett und clever.

In der Hochzeitsnacht will sie unbedingt ihren Gatten verführen, aber sie erreicht beim belesenen Intellektuellen gar nichts! Das führt dazu, dass Thereses Sexgier in einer ausufernden Ersatzbefriedigung umschlägt, nämlich die der Geldgier. Sie zieht Kien fast bis zum letzten Hemd aus und vertreibt ihn aus der Wohnung. Draußen in der großen weiten Welt trifft Kien Fischerle, den größten Schachspieler aller Zeiten …

Und so spannt sich das Netz um seine Thematik, und selbst der Bruder von Kien, den Menschenversteher, landet zum Schluss in diesem Netz. Es gibt eben kein Entkommen!
Jede Figur im Werk lebt ganz steril in ihrer eigenen Welt, die Welten der anderen werden nicht verstanden, da nicht kompatibel. Und so entstehen Missverständnisse über Missverständnisse. Man redet aneinander vorbei. Man pikt sich nur die Aussagen heraus, die für einen selber ins Bild passen. Es kommt sogar zum großen Show-down!

Die Rettung scheint Georg zu sein, aber auch dieser versagt. Und was bleibt?

Dass eben nur der verständige Leser seine wahre Analyse erhebt und den Durchblick behält. Aber Vorsicht! Gut gemeinte Interpretationen können auch nach hinten losgehen.

Elias Canetti wurde am 25. Juli 1905 in Bulgarien geboren, und zog 1911 mit seinen Eltern nach England, zwei Jahre später, nach dem Tod seines Vaters, nach Wien. Er studierte Naturwissenschaften und Philosophie. Kurz vor dem zweiten Weltkrieg musste er wieder nach England emigrieren und schrieb dort sein Hauptwerk „Masse und Macht“. Er verstarb 1994.
Sein autobiographisches Werk ist die Trilogie: „Die gerettete Zunge“, „Die Fackel im Ohr“ und „Das Augenspiel“, ergänzt durch „Party im Blitz“. 1981 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s